Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 24 (9.6.1845)
- Date
- 1845-06-09
- Page
- Seite 354 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225389-3225414--06957-3236817- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
354 selbst überwunden hat. Aus dem Juden muß der Mensch sich heraus empören, wenn er nicht der Knecht, der Sklave feiner Mitmenschen bleiben will. Daher, kann er für seine Selbstentwickelung, deren Quelle er vorläufig noch in der Religion zu suchen meint, nicht den Staat um Schutz anflehen; was er nicht selbst aus sich zu machen im Stande ist, das kann kein Anderer aus ihm machen. Wozu also die gesetzliche Eintheiluug in Parochien, wozu die Beaufsichtigung der Geistlichen und ihres Religionsunterrichts vom Staate erflehen?" Beim ersten Anblick erscheint dieser Einwand gegen eine kirchliche Organisation bei den Juden sehr einleuchtend, wenn er sich nicht bei ticferm Erwägen als — oberflächlich erwiese. Eine gewisse Organisation der Synagoge würde weder die Ausgleichung der inneren Kämpfe vollenden, noch verhindern. Gerade die neuesten Ereignisse bei den Neukatholiken zeigen, daß selbst die gegliedertste und mächtigste Hierarchie die Evolutionen des Geistes, das Ausscheiden des Entfremdeten nicht hindern kann. Allein was eine solche Organisation wol verhindert, das ist, daß die Kämpfe sich nicht um die unbedeutendsten, nichtssagendsten Dinge drehen, und die Kräfte hierin verzehrt werden, während an das Wesentliche gar nicht gedacht wird. Wer da weiß, um was es sich bei den meisten Streitigkeiten innerhalb der jüdischen Gemeinden handelt, um die Stellung des Almemor, um einen Chorgesang, um den Talar des Kantors, um einige Piutim und Kinoth mehr oder weniger, um die Pantoffeln am 2"-', der begreift, daß diese Streitereien, diese erbitternden - und störenden Richtigkeiten bet einer angemessenen Organisation wegfallen, und so mit gerade die Geister Raum gewinnen, um Höheres'und Wesentliches sich zu bewege«. Ueberhaupt darf man nie vergessen, daß es außerhalb des Kampfes, wo die Geister aufeinander platzen, noch ein großes Gebiet giebt, das immerfort augebaut sein will, trotz den Kämpfen, dessen Bestellung nicht warten kann, bis jene Kämpfe ausgefochteu sind: Gottesdienst, Religionsschule, Gemeindeverfassung. Diesen vermittelst einer allgemeinen Organisation eine zeitgemäße Entwickelung zu geben, ist sehr dringend, und kann nicht warten auf die Kämpfe und deren Erfolge. Ueberhaupt dürfen wir nie vergessen, daß die Juden trotz Allem eine religiöse Einheit bleiben wollen. Außer sehr wenigen Individuen, den verlorenen Posten beider Extreme, werden Alle übereinstimmen, daß sie sich von der Gemeinde nicht trennen wollen. Die Gemeinde bedarf. aber als solche das Gepräge und die Form eines Ganzen, und diese fehlen ihr in Preußen. Daß also die Petition des breslauer Vorstandes im Rechten bestand, scheint uns wenigstens. Was wir so eben bemerkt haben, wird recht augenfällig durch eine Notiz bestätigt, die jüngst aus Mainz datirt Ln einem öffenlichen Blatte gestanden. Es heißt da: „So viel steht fest, daß, wenn das Judenthum ferner auf dem bisher befolgten Wege verharrt, es durch gegenseitige Anfeindung die öffentliche Achtung gänzlich auf's Spiel setzt und dem Glauben immer mehr Abbruch thut. In einer Polizeigerichtssitzung eines Kantons unserer Provinz erschienen vor Kurzem Juden aus zwei großen Gemeinden, die angeklagr waren, den Gottesdienst gestört zu haben; es wurden viele Zeugen vernommen, -durch deren Aussagen sich aber mehr die gegenseitige Mißstimmung, als das den Angeklagten zur Last gelegte Vergehen erwies. Es wurden daher die Beschuldigten von der Klage entlassen; aber mit Verwunderung bemerkten die in der Sitzung anwesenden Christen, wie sehr echte Religiosität, gegenseitige Liebe, Anstand und Würde von den Bekennern der mosaischen Satzungen gewichen sein müssen, um so unbedeutende Vorgänge vor die Gerichte zu bringen." Wer nur irgend praktische Erfahrung hat, wird diese Worte leider! — bestätigen müssen. Die Unanständigkeit in den Synagogen ist — selbst bei Mitgliedern, die im geselligen Verkehr eine gewisse Bildung zeigen —schrecklich, das Gefühl dafür bei der Masse furchtbar abgestumpft. Hierzu kommt die Leidenschaftlichkeit, die Oppositionssucht, die in allen Gemeindeangelegenheiten stattfindet, und welche die Einen zu opponiren antreibt, die Anderen die Bestrafung der'Opponenten zu erlangen anstachelt. Wol fragt sich der, welcher die meisten Synagogen besucht: sind das die Söhne Juda's, welche für ihre Religion so Vieles opfern und doch vor deren Instituten so wenig Achtung haben? Merkwürdig ist doch die Proselytenlust, die in allen Parteien der christlichen Lehre herrscht! So wenig sie unter einander übereinstimmen, hierin sind sie einig! Noch ist der Boden unter den s. g. Neukatholiken nicht fest, und sie strecken schon ihre Hand nach den — Juden