Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 23 (2.6.1845)
- Date
- 1845-06-02
- Page
- Seite 344 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3225389-3225413--06946-3236805- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
344 der herzlichen Anerkennung und aufrichtigen Ergebenheit gegen Sie, hochgeehrte-Herren im Komitv, alsbald in Worten Raum geben — von der für die Sache, der Sie dienen, so hochwichtigen Ueberzeugung scheinbar abzuweichen: daß das Bedürfniß einer Ausmerzung mittelalterlicher Formen im Judenthume und einer freier» Entwickelung der inneren Lebenskeime des Mosaismus bereits, mannigfachen partikulären Richtungen, doch allgemein in dem einen erhabenen Ziele der reinen Gotteslehre, wenn auch hierarchischen Anfeindungen gegenüber, doch bereits in-der Gesammtheit des jüdischen Volkes zum Bewußtsein gelangt ist. Das Bewußtsein aber zur That bringen zu helfen, bedarf einer leitenden Hand, wie jede Seele einen Körper braucht; und dahin, verehrungswürdige Herren, ist Ihr großes, edles und aufopferndes Streben gerichtet, wofür wir unsere innigste Danksagung mittelst dieser Addreffe auszusprechen uns hingezogen fühlen. Wenn nun gleichwol die große Mehrzahl der hiesigen Gemeinde, durch den Ausgang früherer, vereinzelter, exoterischer Reformunternehmungen ängstlich gemacht, theils auch von materiellen und Pietätsrücksichten eingeengt, ihren offenen Beitritt an dem gegenwärtigen Aufrufe noch scheut, so müssen wir gehvrsamst Unterzeichnete, zu schwach um eine Separat-, zu entfernt um eine Filialgemeinde bilden zu können, insbesondere aber geneigt, jede unzeitige Spaltung zu verhüten, mit unserm förmlichen Anschluß einstweilen noch zurückhalten. Nichts desto weniger aber sind unsere vertrauensvollen Blicke auf die zugenwartigenden Synodalbeschlüsse der Theologen und Laien aller Farben gerichtet, welche faktisch genug darthun mögen, daß es keinesweges darum zu thun sei, den Talmud um jeden Preis aufzuheben, vielmehr diejenigen Prinzipien in demselben, als historische Grundlage, beizubehalren, auf welche eine mit dem Leben gleichen Schritt haltende Fortentwickelung sich weiter bauen läßt. Und so mit steigendem Interesse dem Gedeihen Ihres .heiligen Werkes folgend, wollen wir dafür nach Kräften bemüht sein, um alsdann in um so größerer Anzahl gemeinsam beipflichten zu können... Wir fügen am Schluffe den treugemeinten. Herzenswunsch hinzu, daß die hohen , deutschen Regierungen .sich endlich berufen fühlen möchten, die Kirchengemeinschaft ihrer jüdischen Unterthanen, welche denen .der übrigen Mächte Europa's an Intelligenz und Forschritt gewiß nicht nachstehen, rechtlich anzuerkennen und diese in ihre nachdrücklichsteBeschützung zu nehmen. Wonach wirzu verharren rc. rc. Lissa, (Provinz Posen) (Folgen die Unterschriften.) den '6. Mai J845." . Z ülz, 21. Mai. (Privatmitth.) .Der Gutsbesitzer Berliner auf Gröbing hat folgendes Zirkulär an die Vorstände der schlesischen. Gemeinden ergehen lassen. Ob es Wirkung gehabt, steht noch dahin. Einen löblichen Vorstand ersuche ich dienstergebenst, Nachstehendes zur Kenntniß und Unterschrift derjenigen stelbstständigen Glieder der Gemeinde zu bringen, welche eine Reform im Judenthume wünschen.' Wenn die Liste im Laufe des Monats Juni nicht wieder zurückkommt, so nehme ich an, daß in Ihrer Gemeinde Niemand der neuen Richtung günstig ist. ' Zu Gegendiensten bereit, rc. Da ich der Ueberzeugung lebe^ daß die Emanzipation oder eine Kolonisation der Juden nach jetzi- , gen Satzungen ein rein unmögliches Ding ist, so habe ich mich von dem rabbinischen Judenthume losgesagt, um fortan für den jüdischen Reformverein in Oberschlesien wirken zu können. Ich habe mich den Neformvereinen in Berlin und Breslau angeschloffen und werde bemüht sein, mit noch einigen Gleichgesinnten bei der nächsten Rabbinerversammlung in Person zu erscheinen,, um da alle möglichen Erleichterungen in der Religion zu erstreben. — Es sollen die, von dem Judenthume unzertrennbgren Grundformen, als: die Beschneidung, der Sabbat und die Festtage, die Speisegesetze, der Gottesdienst u. s. w. in so weit sie mit dem Zeitbedürsniß, den Staat.sgesetzen, der Liebe für König und Vaterland, vereinbar sind, so viel möglichst erleichtert, beibehalten werden. Sollte die Rabbinerversammlung daraus nicht eingehen wollen, so wird beabsichtigt, eine Synodalversammlung nach Berlin zu berufen, damit, soweit thunlich, ein. auf. positivem Glauben beruhendes, frei von allen beengenden menschlichen Satzungen, zeitgemäßes Glaubensbekenntniß zu. allgemeinen Annahme entworfen werde.