Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 23 (2.6.1845)
- Date
- 1845-06-02
- Page
- Seite 342 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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342 verspricht. Dennoch dürfte auch hier wieder die Rabbinerversammlung mittelbar wirken können und zu einer solchen Wirksamkeit sich berufen fühlen. Gestehen wir es uns nur unverholen: selbst in der gegenwärtigen, sehr erfreulichen Bewegung, welche den gänzlichen Jndifferentismus im religiösen Leben des Juden überall verdrängt, bei der Theilnahme, welche man von allen Seiten her an Regeneration des Judenthums kund giebt, fehlt es doch an dem wahren religiösen Sinne nur noch zu sehr. Theils macht sich ein Gefühl der Leere unangenehm geltend, und man will diesem durch die Bethciligung an der gegenwärtigen Arbeit der Erfrischung entfliehen, theils wird man von den Gedanken des allgemeinen Fortschrittes lebhaft ergriffen und sucht ihm auch im eignen Gebiete Verwirklichung zu verschaffen; von solchen, gewiß sehr ehrenwerthen, Antrieben geleitet, haben die Meisten gegenwärtig ein Interesse an deurJudenthume genommen, das früher erstorben schien. Allein der wahrhaft fromme Sinn, der weit entfernt von allen Kopfhängereien, sich gerne beugt vor der höhern Macht und Heiligkeit und in sich richtend eingeht, sich erquickt an dem Ausspruche einer ihn beseligenden Ueberzeugung und dieselbe in seinem ganzen Leben wirken läßt, Frieden und Ruhe spendend — dieser Sinn ist doch eigentlich noch wenig vorhanden, und der Mangel an ihm ist cs, der auch der Reform, welche allerdings auf seine Weckung hinarbeitet, so mächtige Hindernisse in den Weg legt. Es ist wol wahr: ohne Reform keine Frömmigkeit, aber nicht minder wahr ist auch der umgekehrte Ausspruch: ohne Frömmigkeit keine Reforut! Die gedankenlose Werkheiligkeit wird, so lange ein lebendiger Sinn für eine dem innersten menschlichen Bedürfnisse entsprechende Auffassungsweise des Göttlichen, und Darstellung unseres Verhältnisses zu ihm und sich wiederholende Anregung zu eigner Stärkung nicht vorhanden ist, entweder noch immer mächtig die Gemüther fesseln oder wenigstens ihnen doch nicht störend entgegentreten, um so wehr da sich der Einzelne davon nach Belieben befreien kann, und wenn es wahr ist, daß störende, die Gedankenlosigkeit nährende Formen das "Aufkommen der Innerlichkeit verhindern, so werden sie doch auch andererseits nur durch einen mächtigen innern Drang befestigtwerden können, da sonst aus allerhand fremdartigen und untergeordneten Rücksichten ein Recht der Existenz für sie geldend gemacht wird, sie mindestens als gleichgültig und unschuldig erscheinen. Wie wäre es auch sonst möglich, dass selbst den leisesten und nothwendigsten Reformversuchcn gegenüber oft ein Widerspruch sich erhebt, der weder in den Ansichten noch in dem Leben der Widersprechenden seine Berechtigung findet und nur dadurch erklärt werden kann, daß man von der Nothwendigkeit derselben, und das heisst eben der Gestaltung der Formen zum wahrhaften Ausdrucke der gläubigen Ueberzeugung nicht durchdrungen ist? Bei diesem Jneinandergreifen, bei dieser Wechselwirkung zwischen Reform und Weckung der Innerlichkeit, der Glaubensinnigkeit — wovon diese das Ziel, jene blos das Mittel ist — muß natürlich auf beiden Seiten zugleich gearbeitet werden, und sowie man die Reform nicht aufschieben darf, bis der religiöse Sinn allgemein so erstarkt ist, daß er sie selbst schon vollzieht — wie wir in neuerer Zeit so oft das Prinzip des Glaubensbewußtseins der Gesammtheit falsch, anwenden hören — während ja gerade zur Erstarkung die Reform nothwendig ist: so muß auch diese Belebung selbstständig angestrebt werden, und so sehr der Einfluß des Rabbiners für seine Gemeinde hierfür nicht entbehrt werden kann, so ist doch zu bedenken, daß die vielen Gemeinden, welche gar keiner Leitung unterworfen sind, aller Nahrung entbehren, dem Hause aber jetzt alle Weihe entzogen ist. Wenn früher Tischuud Nachtgebete, Sabbat- und Festtagsbegrüßung. nach dem Sinne jener Zeit den Zeremonien zu Hülfe kamen, so fallen gegenwärtig diese Ermunterungen, die so tief eingreifenden andächtigen Betrachtungen weg; der seltnere Besuch des Gottesdienstes macht, daß Wochen lang die religiösen Keime keine Befruchtung erhalten, und selbst dazu geeignete Stimmungen müssen vorübergehcn, weil sie keine angemessene Befriedigung finden. Dazu kommen noch die feierlichen Lebensmomente, welche gegenwärtig mehr als früher eine würdige Vorbereitung und Sammlung erfordern: der Zeitpunkt der Konfirmation, der Verehelichung, eines Wochenbettes, Sterbefälle rc.; wie gerne möchte man der nach Erquikung und Stärkung dürstenden Seele da etwas darreichen, und man hat fast so gut wie Nichts. Deßhalb sind Erbauungsbücher im rechten Geiste ein großes Bedürfniß, und die Rabbinerversammlung würde ein entschiedenes Verdienst sich erwerben, wenn sie zur Entstehung solcher kräftigst mitwirkte und eine Kommission von Männern, welche ebenso selbst zur Bearbeitung wie zur Würdigung ihr zugehender Arbeiten geeignet wäre, würde ein Werk fördern, das, in seinen stillen und keinem Widerspruche begegnenden Einflüsse segensreicher würde, als manche geräuschvollere, aber zweifelhaftere That. Diese beiden Vorschläge halte ich für wichtig genug,