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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1845-06-02 · Heft 23 (2.6.1845) · p. Seite 341

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
9 (1845)
Issue
Heft 23 (2.6.1845)
Date
1845-06-02
Page
Seite 341 (sequence 5)
Language
German
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341 diese selbst dürfen nimmermehr Gegenstand d?r Verhandlnng sein, wenn wir uns nicht end- und fruchtlosen Streite HLngeben, von der einen Seite dem Vorwürfe, als beabsichtigten wir Knechtung des freien Judenthums, von der andern der bittersten Verdächtigung, dem arglistigen Drängen auf Konseqenzen aussetzen wollen. Hören wir-daher nicht auf das Verlangen nach einer festen Theorie, nach einem bestimmten Ausspruche über die Grundsätze, das als wissenschaftliche Voraussetzung ebenso gut von den zu strengen Theoretikern wie von dem konsequenten Fanatismus verlangt wird; die Stimme des zerstreuten Volkes, der zerrissenen Gewürher, die mächtig an unser Ohr dringt, muß für uns von größerer Bedeutung sein, als Fragen, über deren Beantwortung wir wol mit uns selbst zur Klarheit kommen müssen, von denen aber blos einzelne praktische Konsequenzen für das religiöse Leben ein dringendes Bedürfniß sind. Freilich wenn die Rabbinerversammlung auf irgend eine Weise zur Förderung wissenschaftlicher Erkenntniß mittelbar beitragen, wenn sie Institute in's Leben zu rufen Mitwirken kann, welche die Vertiefung in die ernsten Studien und die Verbreitung derselben zu erzielen geeignet sind, so wird sie diese stille Grundlage ihres eignen Wissens mit Ernst in's Auge fassen müssen. Noch ist unter uns die Wissenschaft dürftig und ärmlich, und sie wird es bleiben, so lange nur meistens die Rabbiner, vom augenblicklichen Bedürfnisse gedrängt, die Pflege eines einzelnen, abgerissenen Zweiges vornehmen, sie wird es bleiben, so lange keine jüdisch-theologischen Fakultäten bestehen. Der Gegenstand ist schon vielfach besprochen, und die Nothwendigkeit dieser Anstalten zur Genüge anerkannt; es fehlt nur noch an den rechten Mitteln, mit denen zur Ausführung geschritten werde. Hier eben ist wiederum der Punkt, wo die Rabbinerversammlung sich als begründetes und bauendes Institut zu bewähren hat. Es wäre meiner Ueberzeugung nach, unverzeihlich, wenn sie dieses Mal den Gegenstand unberücksichtigt ließe, und es ist mein fester Entschluß, denselben mit Entschiedenheit zur Sprache zu bringen. An einem Orte versammelt, der eben so reich an Intelligenz wie an Mitteln, aber auch ebenso bereit ist, für löbliche und namentlich für große Zwecke reichlich zu spenden, dürfen die Männer, welchen das wahrhafte Gedeihen des Judenthums am Herzen liegt, die Gelegenheit nicht vorübergchen lassen, wenigstens einen Grundstein zu dem großen Baue zu legen. Es müßte ein provisorisches Komite gewählt werden, dem aufgegeben würde, sich sowol mit den Vorständen der größeren jüdischen Gemeinden (Berlin, Breslau, Frankfurt a. M., Fürth, Hamburg, Posen, Prag u.a) als auch mit einigen anerkannten jüdischen Gelehrten, welche keine rabbinische Stelle bekleiden, in Verbindung zu setzen und mit denselben gemeinschaftlich die vorbereitenden Schritte zu thun. Ich würde die Errichtung zweier Fakultäten Vorschlägen, von denen eine im Nordosten, die andere in Südwesten Deutschlands, und zwar in einer Universitätsstadt ihren Sitz hätte, etwa Breslau und Tübingen, indem erstere Universität für die Provinzen Schlesien und Posen bestimmt ist, welche mehr als 100,000 jüdische Einwohner zählen, letztere einem Lande angehört, das bei jeder Gelegenheit seinen humanen und vorurtheilsfreien Sinn auch gegen Juden beurkundet. Ein Universitätsrath, aus Depntirteu der am meisten sich betheiligenden Gemeinden gebildet, würde der Regierung für die Besetzung, der Lehrstühle seine Vorschläge einzureichen haben. Jedoch diese Einzelnheiten müssen freilich einem spätem Studium der Entwickelung überlassen bleiben. Die Rabbinerversammlung wird dadurch zugleich aus dem partikulären Standpunkte, in den mau sie so gern hiueindräugen möchte, emporgehobeu und beweisen, daß ihr Blick nicht von den augenblicklichen Drängen und Treiben erfüllt ist, sondern auch in die Zukunft weithin sich öffnet. In gleicher Weise wie die Wissenschaft nicht unmittelbar eine Förderung oder auch nur momentane Fixirung durch die Rabbinerversammlung finden kann, so wird auch die spezielle Weckung und Pflege des wahrhaft religiösen Sinnes nicht von ihr ausgehen können. Der Ernst und die Innigkeit, welche bei ihren Berathungen hervortrcten, mögen — das ist mein Wunsch und meine Erwartung — auf den Kreis, welcher denselben beiwohnt, den Eindruck waches, welcher auch im höherm Sinne ein erbaulicher genannt werden kann; ehrenwerther Freimuth und der herzliche Ausdruck der Theilnahme an dem Heile der Gesammtheit verfehlen nie, einen Anklang zu finden, gleiche Gefühle zu wecken und zu erheben, aber dieser Kreis ist klein, und die Diskussion kann der religiösen Empfindung nicht eine bestimmte Richtung und noch weniger dauerhafte Nahrung geben, ja die Kritik, welche über manches Veraltete geübt werden muß, mag auch zuweilen selbst bei der schoncndsten Behandlung, micht Wenige verletzen. Ueberhaupt aber ist jene spezielle Praxis von den Individualitäten, den Gelegenheiten des Ortes und der Zeit abhängig, und das persönliche Wirken des einzelnen Geistlichen ist hier das Einzige, welches Frucht zu bringen

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