Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 23 (2.6.1845)
- Date
- 1845-06-02
- Page
- Seite 338 (sequence 2)
- Language
- German
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338 Als die Opfer, durch welche die Sühnung nach dem mosaischen Gesetze vollbracht werden sollte, nicht mehr dargebracht werden konnten, weil der Tempel zerstört, Israel aus seinem Lande vertrieben worden, da erklärte man: ÖlrPb* i-!72 ü^p 12np72S-7 rvs ‘paiö 17272 •p^npiu -,7272 n722-7p -no öi-ib •’nspn T22 7b -772a -,287 Ü72^pn 7b^a2 ÖiT»b» “’Da irbd'72 ^Db -J572 D5-pn7272 b2 ünb bN772 (Thaanith 27, 2). Daß man keine Opfer mehr brachte, war das Ergebniß der Zerstörung; daß man aber das Lesen im Opfergesetze für gleichbedeutend mit der Darbringung der Opfer und von gleicher Wirksamkeit erklärte, das war ein Anschmiegen an die Zeitbedürfnisse, denn dadurch sanktionirte man das Richtopfern, Würde man in gleicher Konsequenz mit anderen, noch gültigen Gesetzen verfahren, so würde das Lesen des Gesetzes der Haltung und Uebung manches Gesetzes, welches der Einzelne durch die drängendsten Lebensverhältnisse nicht zu beachten im Stande wäre, gleich kommen. Aber auch auf anderen Gebieten fand Aehnliches statt. War der b727722, so ängstlich man auch damit war, nicht gegen ein Grundgesetz der Tora gerichtet, ein Gesetz, welches der ganzen Gestaltung der 'jüdischen Gesellschaft zur Unterlage dienen sollte? Und warum? Weil die Zeitbedürfnisse es forderten. Dies sagt der Talmud selbst: na na-iia iptin bbn ■ppnira 2^2-in -,72 -ma N7 27772*25 N72 b? 72227 N7 na Sl7 nilbnbn 7V2722725 22ir ^7 br^b2 -s22b 22» -72-7 fW 12 -]b T 727255t N-77N2 b7227T2 “ppn5T7 *7722'*. Gittill 36, 1. Schebiith 46,1. Ramb. Hilch. Schmit. wejob. IX. H. 16. Weil Hillel sah, daß.das Volk sich nichts mehr borgte einander (wegen des Erlaßjahres), stand er auf und gründete das Prusbul, d. i. einen Vorbehalt gegen das Erlaßjahr! Da ist den Bedürfnissen der Zeit nachgegeben auf eine Weife und einem Gebiete, die viel schwieriger zu rechtfertigen sind. Das Verbot der Polygamie durch Rabbi Verschon und seine Genossen im 11. Jahrhundert,- war es kein Nachgeben an die Forderungen der Zeit und Oertlichkeiteu? Genug. Es galt hier nur zu skizziren, wie allerdings das Judenthum vom Beginne an die Umgestaltung der Dennoch verlor es sich. Würde e$- noch im 16. und 17. Jahrh. gelesen worden sein, müßten wir es sicherlich noch hören! Kultformen nach den geistigen und geschichtlichen Zuständen Jsrael's gestattete und vollführte. Allerdings, leicht, sinnig war es darin nie, nicht im Fluge gab es sich hin, nicht zum Objekte willkürlicher Prozesse und launenhafter Operationen machte es sich — aber, bestimmt durch die lange Reihe der Jahrtausende zu schreiten, und dennoch dem Individuum in seinen religiösen Bedürfnissen zu genügen — konnte es nicht eherne Fesseln um die Flügel des Geistes schmieden wollen. VI. Verschweigen wir es uns nicht. Eine Reform im praktischen Judenthume dnrchzuführen, ist höchst schwierig. Die Idee, die Theorie giebt sich bald; aber sobald es darauf ankömmt, diese nun in's Wirkliche überzuführen, und ihr einen tüchtigen Boden zu geben — da ist es, wo unsägliche Schwierigkeiten sich ergeben. Ich spreche durchaus nicht von den Stabilen, von den Bigotten. Daß diese Widerstand leisten, ergiebt sich von selbst. Aber ganz außerhalb dieser stehen nicht minder die größten Hindernisse in dem Wege. Gerade weil so viele Kultformen des Judenthums in den Juden erstorben find: gerade darum ist ihre Reform so schwierig. Es klingt dies paradox, aber es ist wahr. Sobald eine- Form lebendig ist, sobald der Geist in ihr lebt, vermag dieser sie lebendig umzuformen, sie organisch umzugestalten, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden und abzuschneiden. Aber ein „Todtes-Liegendes", das bringt man nicht von der Stelle. Der eine Theil hat die jüdischen Formen längst aufgegeben, und eine Reform derselben ist für ihn nicht möglich, weil sie selbst für ihn nicht mehr da sind; er wendet dem Unternehmen den Rücken. Der andere Theil sieht sie eben als ein Gewohntes, nun einmal so Existirendes, außerhalb seines innern Geisteslebens Bestehendes an, und übet sie, weil sie geübt wurden und werden. Hilft es nichts, so schadet's nichts. Auch dieser Theil ist für die Reform ziemlich unbrauchbar, denn er stellt dem, der die Formen nicht mehr übt, ganz frei, sie nicht zu üben. Daher kenne ich höchst achtungswerthe Männer, die in allen Dingen sehr freisinnig sich geriren, aber denen die Abschaffung eines unverständlichen Piut, einer alten Melodie durchaus nicht behagt — sie sehen die Nothwendigkeit gar nicht ein. Je weniger Schwierigkeiten daher die Reform auf.