Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 22 (26.5.1845)
- Date
- 1845-05-26
- Page
- Seite 331 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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331 gefühlter Uedelstand, welcher drückend auf die ohnehin düsteren Verhältnisse der Juden in Mähren lastet, ist der fast gänzliche Mangel an großartigen und gemeinnützigen Instituten, die da und dort von der Neuzeit zumeist in's Leben gerufen-worden; wie unter anderen z. B. Jnduftrieanstalten, Vereine zur Unterstützung jüdischer Handwerker u. dgl. Es sind wol bereits einige derartige schwache Versuche hin und wieder gemacht worden, die aber zu geringfügig und beschränkt sind, um sie mehr als Versuche gelten zu lassen. Wir wollen damit keinesweges unseren ehrlichen Mitbrüdern den Wohlthatigkeitssinn absprechen. Die Wohlthätigkeit ist eine der allgemeinen charakteristischen Eigenschaften der Juden, die erst vor Kurzem die glänzendste Anerkennung im englischen Oberhause vom Herzog von Cambridge erhielt, und die man auch den Juden Mähren's nicht wegdemonstriren kann, wie es eine Menge Legate, fromme Institute und Ker'en Kajemeth klar genung beweisen. Allein an einem gemeinsamen, alle Gemeinden zu .einem edeln Zwecke vereinigenden Institute fehlt es gänzlich. Daß dies ein großer Uebelftand ist, wird wol jeder, mit den wahren Interessen Mährens besser Vertraute, einsehen. Mit wie vielen oft unbesiegbaren Schwierigkeiten hat der arme Vater zu kämpfen, welcher sein Kind zu einer Profession erziehen will? Mit wie vielen unzähligen Unannehmlichkeiten und Hindernissen wird der hülflose jüdische Geselle während seiner Wanderjahre verfolgt und geplagt? Mit wie vielen unabsehbaren Hemmnissen und Vorurtheilen muß der ehrliche Meister immer und ewig ringen, wenn er sich nur einigermaaßen einrichten will? Bald sind es die wackeren Zünfte, bald der gänzliche Mangel an geeigneten Lokalitäten in den engen Judengassen, bald das Verbot christliche Gesellen zu halten und eine Menge ähnlicher Erschwerungen, welche ihm sein kümmerliches Leben verdüstern und Viele schon ihrer Profession zu entsagen nöthigten. Ein allgemeiner auf alle Gemeinden Mährens sich erstreckender Verein zur Unterstützung jüdischer Handwerker, welcher in einer der vorzüglichsten Gemeinden seinen Sitz hatte und unterstützt durch Filialvereine in jedem Kreise, würd.e von unberechenbarem Nutzen, und den wohlthätigsten Erfolgen sein. Ein solcher wahrhafter Schutzverein würde das Interesse aller seiner Schützlinge vertreten, deren Rechte verteidigen, den feindlichen Eingriffen Widerstand leisten und so von segenvollster Wirkung sein. Wir wollen uns der schönen Hoffnung überlassen, daß die Zeit nicht mehr fern sei, die uns ein solches Institut schaffen wird. Die Nothwendigkeit stellt sich mit jedem Tage dringender heraus. Auch ein anderes höchst edles Beispiel aber scheint unserer Prophezeihung immer mehr Raum in der Wirklichkeit zu geben. Herr H. Kollisch hat nun das erste Beispiel gegeben, mildthätige Anstalten nicht bloß im engen, kurzbegrenzten Kreise einer Gemeinde zu stiften, sondern vielmehr ihnen die größtmöglichste Ausdehnung zu geben. H. K. hat ein Institut begründet/ das, meines Wlssens, im Judenthume allein dasteht, nämlich: ein jüdisches Taubstummeninstitut. — lieber die Entstehung und Wirkung dieses jungen Instituts, giebt uns. die k. k. Wiener Zeitung No. 125 a, c. ein treffliches Referat, das ich Ihren geehrten Lesern wörtlich hier mittheile. — „Die „Moravia" vom 26. v. M. schreibt aus Nikolsburg: Im Monat Junius v. Jahres machte der, durch sein treffliches Werk „Versinnlichte Denk- und Sprachlehre", sowie durch sein wohlthatiges Streben rühmlichft bekannte Dr. F. H. Czech, ehedem Präfekt und Professor der Philosophie an der k. k. theresianischen Ritterakademie, Professor im k. k. Taubstumm.enmstitute und an der k. k. Akademie der bildenden Künste rc. in Wien, in Baden nächst Wien die nachbarliche Bekanntschaft des Herrn Kollisch, Fabrikanten und Vorsteher der hebräisch-deutschen Hauptschule in Nikolsburg. Die Bekanntschaft wurde bald zur Freundschaft, und da der mit wahrhaft väterlicher Liebe für das Wohl der unglücklichen Taubstummen sehr thätige Dr. Czech sich die Ueberzeugung verschafft hatte, daß Herr Kollisch ein für alles Edle und allgemeine Gute empfängliches Herz besitze, so stellte er demselben das Bedürfniß einer Anstalt zur unentgeldlichen Aufnahme jüdischer Taubstummen so lebhaft vor, daß Herr H. Kollisch sogleich den Entschluß faßte, eine solche Anstalt zu gründen. Er ging rasch an's Werk, denn schon im Monat Oktober v. I. rief er diese auf eigne Kosten in Nikolsburg in's Leben. Sieben jüdische Taubstummen haben bereits eine unentgeidliche Aufnahme gefunden, und genießen von einem wackern, gebildeten, humanen Lehrer, der seine Kenntnisse in diesem Fache durch die zweimonatliche, persönliche und großherzige Leitung, die Herr Dr. Czech nicht ohne Mühe und Beschwerlichkeit der Anstalt widmete.