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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1845-05-26 · Heft 22 (26.5.1845) · p. Seite 329

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
9 (1845)
Issue
Heft 22 (26.5.1845)
Date
1845-05-26
Page
Seite 329 (sequence 9)
Language
German
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329 der Religionsunterricht unter den Juden überhaupt noch sehr zarten Alters ist, in sofern es noch bei vielen Gemeinden mit eine Zeitfrage ist, die noch nicht erledigt, ob die Religion als ein besonderer Unterrichtszweig für die jüdische Jugend behandelt werden solle — gewinnt dieser Gegenstand allerdings ein allgemeineres Interesse, und es dürfte manche Gemeinde durch die erfreulichen Resultate, die hier sich Herausstellen, zur Nacheiferung ermuntert werden. Unsere Religionsschule, weil sie einem tiefgefühlten Bedürfniß der'Gemeinde abgeholfen, gewinnt immer mehr an Ausdehnung und innerer Erstarkung, und ist somit ein Band geworden, das die innere Eintracht Herstellen und befestigen hilft. Je lockerer die äußeren Bande sind, die uns an die Religion der Väter knüpfen, je schlaffer die Saiten werden, die sonst beim leisesten Anschlag harmonisch in das uns tief inwohnende religiöse Gefühl einstimmten, je lichter und dünner die gepanzerte Phalanx der Zeremonien wird, die unseren Vätern wol bei jeder Lebensäußerung und Lebensthätigkeit das fromme Gefühl an Gott erwecken konnten: desto dringender wird für uns die Pflicht, der zarten Jugend schon früh den Gedanken an Gott, sein wunderbares Wirken und seine heilige Lehre m's empfängliche Herz zu pflanzen, damit er mit ihrem innersten, tiefsten Wesen eng verwachsen werde. Aber der Jude hat neben der reinen Gotteslehre noch ein Zweites, das nicht wider eine heilige Religion, dem Herzen ist; es ist dies die „heilige Sprache". Die Sprache, in der Moses seine-Gesetze geschrieben, in der David seine heiligen Lieder gedichtet, in der die Propheten ihre glutigen Worte gesprochen, in der unsere Väter ihren brennenden Schmerz vor Gott ausgeschüttet, in der in den Synagogen gebetet, geklagt und gejammert wurde — sie hat bezaubernde Kraft über die Bekenner des Einen Gottes, ihre Klänge regen wundersam ergreifende Empfindungen in dem Herzen jedes nicht ganz gemüthlosen Juden. Und neben dieser Sprache hat der Jude eine schmerzvolle, trübselige Vergangenheit, die ihn an seine Religion und seine Glaubensbrüder kettet. Aus der jammervollen Geschichte des jüdischen Volkes fließt uns die Anhänglichkeit an den Glauben zufür den das theure Blut der Vorfahren in Strömen geflossen, für den wir lange in Schmach und Erniedrigung gelebt. Soll daher der Religionsunterricht bei den Juden ein bleibender, ein fruchtbarer sein, soll in der^Jugend die Achtung vor dem Glauben, die Liebe zu den Brüdern geweckt und erhalten werden, so muß die hebräische Sprache mit Fleiß und Eifer gelehrt, so darf die jüdische Geschichte beim Religionsunterricht nicht außer Acht gelassen werden. Die Schule, die in drei Klassen und sechs Abtheilungen gesondert ist, zählte im vorigen Jahre nahe an 200 Zöglinge und ist um mehr als 60 jetzt vermehrt worden. Gestern Vormittag wurde die Prüfung sämmtlicher Klassen, wozu. Geiger durch ein Program eingelad.m hatte, in Gegenwart der hohen Stadtbehörden, der Schuldirektoren und eines ansehnlichen Theils der jüdischen Gemeinde vorgenommen. Referent war blos bei der Prüfung der ersten und theilweise auch der zweiten Klaffe zugegen und kann die Versicherung geben, daß die Leistungen der Lehrer und der Schüler ausgezeichnet zu nennen sind. Namentlich erwahnenswerth ist, was in der jüdischen Geschichte und hebräischen Sprache geleistet wurde, welche Unterrichtsgegenstande in der zweiten Klaffe von dem ebenso tüchtigen wie gewandten Schulmanne, Herrn Or. Lewi aus Altona geleitet werden. Knaben, die entweder mit höchst mangelhaften oder gar keinen Kenntnissen im Hebräischen in die Anstalt kamen, wußten leichtere Stellen aus den historischen Stücken der Bibel unvorbereitet zu übersetzen und grammatisch zu erklären. Die Prüfung in der Religion selbst bot nicht minder erfreuliche Resultate, die sich des Beifalls der Anwesenden in hohem Maaße zu erfreuen hatten. Verhältnißmäßig am Schwächsten zeigten sich, mit Ausnahme zweier, die Mädchen in der Entlaffungsklaffe, was allerdings die Kürze der Zeit, die sie die Anstalt besuchten, das reifere Alter, das den früherweckten Sinn unserer Mädchenwelt vom Denken und Lernen abzieht, vielleicht auch die schwächeren Geistesanlagen der meisten entschuldigen müssen. Den Schluß der fünfstündigen Prüfung bildeten einige herzliche Worte des Dr. Geiger an die Versammlung und die Schüler der Anstalt. Wie sehr Geiger, der Mühe, Zeit und Eifer in hohem Maaße dieser Anstalt zuwendet, dadurch die .Herzen mancher ihm Abgeneigten gewinnt, zeigen die Kinder vieler, früher hartnäckiger Opponenten, die wir unter den Zöglingen der Schule jetzt erblicken. 22»

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