Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 22 (26.5.1845)
- Date
- 1845-05-26
- Page
- Seite 323 (sequence 3)
- Language
- German
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323 durch ihre amtliche Thätigkeit., das Zutrauen, der Gemeinden sich zu erwerben -- warum sollten solche Männer, weit entfernt, für ihre Aussprüche die Anerkennung einer unverbrüchlichen Verbindlichkeit zu verlangen, nicht dem noch hoffen dürfen, daß sie, eine größere Garantie böten und auf ihre übereinstimmenden Aeußerungen ein größeres Gewicht gelegt werde, als auf die einer buntgemischten Versammlung? Was die Wissenschaft zur Aufhellung der religiösen Lebensfragen beitragen kann, das biete sie in der Literaturund mit welcher Anerkennung diese litterarischen Beiträge von Nichtrabbinen aufgeuommeu werden, bedarf wahrlich keiner besoudern Erhärtung. Ein Anderes wäre es, wen» wir Professoren der jüdischen Theologie hätten; sind sie auch lediglich Männer der Wissenschaft, wäre es auch wol leicht möglich, daß sie den Lebensströmungen ziemlich fern blieben, so würde doch das Ansehn ihrer Stellung, das Vertrauen , welches ihnen durch ihre Berufung erwiesen worden, der Zusammenhang mit der studireudeu Jugend, welche für die Praxis sich vorbereiten will, sie vollkommen zur Theilnahme an. den Versammlungen berechtigen. Wie die Verhältnisse gegenwärtig noch stehn, begnüge sich die reine Wissenschaft mit der Anstrebung des jüdisch-religiösen Lebens durch die Literatur, und wahrlich diese Wirksamkeit ist eine oft leise, aber doch gewaltig eindringeude, eine vielleicht erst später, aber dann'auch für die Dauer sicht-' bare,, während diese Versammlungen einen unmittelbaren, wie auch vielleicht bald wieder vorübergehenden, anderen Bedürfnissen weichenden Erfolg beabsichtigen. Wünschenswerth bleibt es jedoch, das auch von Seiten des Lebens die bestimmte Darlegung der Bedürfnisse erfolgte, und sowie die Wissenschaft ihre Ansprüche klar und bestimmt ausspricht, so dürfen und sollen auch-die Gemeinden ihre Wünsche offen und unzweideutig aussprechen, so. mag auch die Stellung des Zudenthums im Leben von denen, welche sich ganz in dessen Verkehr bewegen, uachgewieseu werden; es würde die Wirksamkeit'der Rabbinerversammlung nur sehr gefördert werden, wenn Denkschriften an sie gerichtet würden, welche bündig die Bedürfnisse der Gegenwart aufdcckten, welche die herrschenden'Widersprüche und Halbheiten, die Feinde eines gesunden religiösen Lebens, unumwunden hinstellten. Und den/Entschluß dazu möchte ich allerdings in den Gemeinden allregen; diese Theilnahme der Versammlungen ist ebenso eine ehrenvolle für den regen Sinn.der Gemeinde,, wie für das -Vertrauen, das man in. die Versammlungen setzt. Eine Denkschrift ist übrigens .keine Bittschrift, und die eifrigen Hüter der „Laienfelbstständigkeit" mögen darin nicht einen Ansspruch der Anerkennung von ihrer Seite finden, welche sie um keinen Preis darzubringen sich geneigt fühlen; sie ist blos die Zusammenstellung von Thatsachen, Ansichten und Wünschen, welche vorhanden sind und zur Kenntniß kommen müssen, wenn die geeigneten Maaßregeln getroffen werden sollen, sie kann eben sowol protestiren, wie ihre freudige Zustimmung geben, eben sowol abmahnen, wie ermuntern. Die Gemeinden werden durch solche Denkschriften am Sichersten.bewirken, daß die Verhandlungen der Rabbiner keine einseitige Richtung nehmen, und sie würden, sich gegen dieselbe, sollte sie Geltung erlangen, von vorn herein verwahrt haben. — Auch-in der Oeffentlichkeit der Verhandlungen, welche man gern verdächtigen wollte, als sei sie eine prahlerische Demonstration, eine Wicktigmacherei, ein Tribut an mißverstandene, liberale Zeitansichten, welche.auch Wohlwollende fürchten, als führe sie leicht aus dem Gleise einer ernsten und würdigen, nicht nach Effekt haschenden und nicht um die Gunst des Beifalls buhlenden Berathung; gerade in ihr finde ich eine mächtige Bürgschaft für eine besonnene, aber auch ernste Würdigung der Lebensbedürfnisse und der Ueberzeugungen, welche in der. Gesammtheit wurzeln. Umgeben von einem Kreise von Männern, welche nicht seine Berufsgenoffen sind, will der Rabbiner die Mahnung immer gegenwärtig vor sich haben, hier die rechte Rücksicht auf die dringenden Anforderungen der Gesammtheit nach deren verschiedensten Richtungen zu nehmen; er wird ebenso wenig Fragen der. Zeit von sich abschütteln, um nicht einen Ausspruch darüber thun zu müssen, wie andrerseits aus bloßer Theorie heraus eine Entscheidung fällen, die keinen Boden zur Verwirklichung finden dürfte. Die Oeffentlichkeit soll ihn nicht leiten und nicht bestimmen, aber sie soll unwürdige Rücksichten in ihm Niederkämpfen, und wahrlich, Niemand mag dadurch sich verletzt fühlen, daß er gerne eine Gelegenheit ergreift, die ihm selbst in sich eine sichere, Bürgschaft darbietet, gegen lokale Einflüsse von der. einen oder, der andern. Seite. Die,Oeffentlichkeit führt deu Einzelnen in, das gesunde Leben der Gesammtheit ei», sie. heißt ihn. die enge Studierstube, wie den kleinen.Kreis der eignen. Gemeinde Verlässen, um eine umfassende Ueberschau über die Gesammtzustände zu machen. Wer zu.verzagt ist, um den Tadel ertragen zu können, welchen eine Aeußerung ihm zuziehen kann, wer nicht männliche Kraft genug^ besitzt, um der Verdächtigung oder, ungemesseneu .Wünschen nach bester Einsicht entge-