Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 21 (19.5.1845)
- Date
- 1845-05-19
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
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. Noch einmal also, Herr Rabbi, verbannen Sie die Furcht aus Ihrem und Ihrer Kollegen Herzen, die göttlich Mosaische Religion angegriffen zu glauben. Unter dem Mantel dieser falschen Furcht kann und wird nie etwas zweckmäßiges entstehen. Machen Sie sie empfänglich für das wahre Interesse des Judenthums und der Judenheit. Leiten Sie den erwärmenden Strahl fromm-religiöser Aufklärung in ihre Herzen, daß er, wenn auch nur hie und da, die starre Rinde schmelze, daß, frei Vom Sonnenlichte beschienen, Jsrael's herrliche Glaubenöblüthe sich entfalte, zum Seegen ihren Bekennern, zur unfreiwilligen Anerkennung ihren Gegnern, und glauben Sie, daß wir die ersten sein werden, die das Antlitz dem Lichte zugewendct, ein frommes Halleluja singen dem Gotte unserer Väter. —-So weit die Opposition. — Ich selbst erbitte mir eine gütige Mittheilung, über das, Was als Fortsetzung des 20. August geschehen soll oder wird, wenn Sie, wie ich hoffe, kein Geheimnis daraus machen. Nur Verrath schleicht im Geheimen! Kann ich den zu Werdenden förderlich sein, so werde ich es gewiß. Sollten, was ich Ihren Eröffnungen nach nicht glaube, unsere individuellen Absichten ganz divergiren, so genehmigen Sie dennoch von mir die Versicherung steter Hochachtung Ihrer Person, wie sich Ihre fernere Gewogenheit erbittet — L. H. — Unmittelbar auf dieses Schreiben erfolgte der betrübende Bericht über den plötzlichen Tod des papaer Rabbi Paul Horvitz in seinem 49. Jahre. Er steht nun vor Gott, dem er treuen Bericht geben wird über sein Wirken und Wollen. Wir aber sehen mit gerechten Schmerz das Grab sich schließen über die irdische Hülle eines Mannes, dessen Geist sich mit Eifer beschäftiget, nachzudenken über Jsrael's Mängel und Gebrechen. Möge er sie von der rein orthodoxen Seite aufgefaßt haben, möge seine Ansicht eine befangene gewesen sein, möge sie nicht ganz erwärmt gewesen sein-von den Sonnenstrahlen rein geistiger Aufklärung; so spricht sich doch in seinen Briefen, obgleich behüt, sam, der Wille aus, dem Zeitgeiste doch ein Pförtchen zu gönnen, wo er einziehen könne in das Vorurtheil umschanzte Lager Jsrael's. Wir werden doch den Mann in ihm vermissen, der Energie besaß, etwas zu wollen, und dies auszusprechen, und für sein Wollen offen aufzutreten, zu handeln und zur Theilnahme aufzutreten. Wahrhaftig, der Mann ist gestorben, der es übernommen, Ungarns Rabbinen versammeln, vereinigen zu wollen zu einem Zwecke. Nicht daß es Ungarn noch an tüchtigen Rabbinen fehlen'möchte, kräftig an Orthodoxie, stark im Glauben, reich an Gelehrsamkeit, voll der besten Wünsche für ihr Volk, jeder nach seiner Weise; aber alle schwach an Muth, arm an Willen, leer an Kraft, den friedlichen Lehrstuhl zu verlassen, und, wenn auch nur das schon angefangene Werk fortzusetzen, den schon gegebenen Impuls rege zu erhalten. Keiner wird mehr, er sei orthodox, er sei ein Mann der Neuzeit, das' Begonnene, nun durch P. H. Tod beendigte Werk, nun erfassen, denn daheim lebt es sich so friedlich, die Wochengelder, die Stolen, die Gebühren kommen so regelmäßig, daß es Sünde wäre, die behagliche Ruhe aufzugeben für das etwa stürmische Leben, reger Thätigkeit, ungewisser Zukunft. Wenn nun die Rabbinen sich enthalten, die Oeffentlichkeit heranszusordern, weil sie an ihrer Bequemlichkeit, ihrer Ruhe, ihrem Einflüsse, ihrem Ansehen, ihren Einkünften, etwas zu wagen fürchten, so sind unsere Laien noch mehr anklagenswerth. In den Gemeinden herrscht Zwietracht, im Allgemeinen. dominirt Unschlüssigkeit, nicht aus Mangel an Kenntniß der Gebrechen, nicht aus Mangel an Mittel ihnen abzuhelfen. Nein! Die dazu durch ihre Lage, durch ihre Zahl, durch ihre Potenz berufenen Gemeinden, verfallen dem Egoismus, der ihrem Stolze zuflüstert: Ihr habt genug gethan, wenn ihr Spital und Synagoge baut, wenn bei Euch Handwerksvereine, Ackerbaugesellschaften angeregt werden, was kümmert Euch die Gcsammtheit, Ihr habt das Euere für Euch gethan. Und die Häupter -dieser Gemeinden, wenn Wolle oder Staatspapiere ihnen Zeit gönnt, an die Gesammtheit zu denken, handeln so lau, so unpraktisch, mit den allgemeinen Interessen, daß seit Jahren, die fast mit der Regierung geebneten Toleranzdifferenzen von höchster, eminentester Wichtigkeit ruhen, ja der Vergessenheit anheimfallen. Das schöne nützliche Feld allgemeiner Landesberathungen liegt brach, nnd die Giftpflanzen des Jndifferentismus, der Medisance, der Zwietracht fassen immer mehr Wurzel, bis sie es ganz überwuchern werden. Erhebt sich ja hier und da eine Stimme, aus einem oder dem andern abgelegenen Theile des Landes, um den zum Handeln berufenen, an ihre übernommene Pflicht zu mahnen, so affektiren, wenn die Stimme nicht unbeachtet verhallt, die Ermahnten, ein Beleidigtsein, daß es fast Roth wäre, ihnen für ihr Nichtsthun Abbitte zu leisten. Aber auch die Gesammtheit ist, wie alle Gesammtheiten, schwer zu erregen, und war sie einmal mit Mühe aufgestachelt zu ihrem Besten, so versinkt sie bald wieder, bei einigem Erfolg in ihre Starrheit, wie im Winterschlaf an diesem schwachen Erfolge zehrend. Ihre Repräsentanten, wenn sie in einer Gesammtsitzung sich einmal zusammengefunden, haben dargethan, daß wenn auch vom Willen beseelt etwas zu thun, dies dennoch von Persönlichkeit, Parteilichkeit und Liebedienerei bei Wahl ihrer Bevollmächtigten, im Keime fast zerstört wurde. Denn ohne Ueberlegung, ohne den Zweck vor Augen zu haben, stciltcn sie heterogenes zusammen, was sich nie zusammen finden kann und wird. Wer unsere Zustände kennt, wird die Wahrheit des Gesagten erkennen, und wer je für das Allgemeine etwas empfunden, wird mit uns betrauern, daß kaum abzusehen, wie dem geholfen werde. — Ermannet Euch ungarische Israeliten, erwacht zu neuem einmügen kräftigen Handeln!! X. G.