Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 21 (19.5.1845)
- Date
- 1845-05-19
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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Eperies im Febr. 1845. L. H. an Herrn Paul Horvitz. Hochwürdiger Herr! Der diesjährige Winter mit dem Gefolge seiner Unannehmlichkeiten, besonders für mich, trat vielfach hindernd einem Antwortsschreiben entgegen, das ich Ihnen schulde. Nicht genug, daß sechs Wochen mich gebieterisch im Krankenlager sesthielten, beschäftigten mich häusliche Angelegenheiten, und Gährungen in meiner Komitatsgemeinde, die dahin ausarteten, daß ich einen längst beschlossenen Schritt „das -Niederlegen meines Vorsteheramtes" wirklich that, und Sie sehen mich jetzt in ein Privatleben zurückgetreten, das mich aber nicht hindert, allgemeine Interessen des Zudenthums oder, wie Sie unterscheiden wollen, der Judenheit zu überwachen > und zu besprechen. Diejenigen, die Sie Opposition nennen, antworten wie folgt: Wir haben Ihre Apologie des Rabbinerprotokolls mit großer Aufmerksamkeit gelesen. Aber, hochwürdiger Herr! Sophismen und darauf basirte Dialektik sollen, können und werden nicht zum Ziele führen, zu dem Ziele nicht, das wir in unserem ergebensten Letzten nicht mit Unrecht dem Protokoll unterlegt und nachgewiesen. Es beliebt Ihnen anzusühren, daß die Rabbinervcrscimmlüng aus lauter Schüchternheit, Bescheidenheit den Laien die Vertretung des Judenthums nicht aufgebürdet, sondern diese Mühewaltung für Ich behalten. Dann distinguircu Sie I u - denthum von Judenheit, und wollen also die Vertretung des Ersteren nach Innen und Außen in rein religiösem Sinne verstanden wissen. Beides mit Unrecht! Sollen wir an Bescheidenheit eines Rabbiner, an die Schüchternheit einer Rabbinerversammlung glauben? An eine Bescheidenheit, die jeder Buchstabe dieses berühmten Protokolls Lügen straft? Ein ortodorer Rabbi, der im Feuereifer für seine angcwohnte Ueberzeugung oder deren Schein bereit ist, ein Anathema gegen anders Denkende zu schleudern, dem Alles, was er nicht weiß und kennt (und dessen ist Legion), ein verdammenswerther Gräuel ist; eine vielköpfige Versammlung solcher Eiferer, ermuthigt durch ihre Zahl, angespornt durch ihren fanatischen Ehrgeiz, sich in den Riß zu stellen, der, wie sie wohnen, ihrer Religion droht; im Hintergründe aber wohl und klug bemerkend, daß dieser Riß, nur ihrer bereits größtentheils unpopulären Unwissenheit, und dadurch ihrem Einflüsse, ihrer rabbinischen Existenz Gefahr bringe; daß solche unter diesen Auspizien versammelte Häupter, aus Bescheidenheit, aus Schüchternheit den Laien eine Mühewaltung abnehmen, Herr Rabbi! daran zu glauben, muthen Sie nur nicht zu! Noch vielweniger dürfen wir aber glauben, daß das Zu denthum d. i. unsere heilige Religion, einer geistlichen Vertretung weder nach außen noch nach innen bedarf. Wer wagte je, die heiligen beseeligenden Wahrheiten unseres Glaubens, Jude oder nicht Jude, anzutasten?! Wenn von Außen eine Stimme wahr oder verläumderisch gegen uns sprach, was wagte sie zu behaupten oder zu rügen? Etwa die einzige Einigkeit unseres Gottes? die Feier unserer Festtage? nicht einmal das Verbot Schweinefleisch zu essen! Aber das Verschmähen des vom Christenfinger berührten Wemes, die stolze straffe Abgeschiedenheit, von Allem, was nicht streng jüdisch ist, und Dinge der Art haben uns die Gemüther, die Sympathieen unserer Mitmenschen entzogen. Die lächerlichen Anschuldigungen vom Gebrauch des ChriftenbluteS finden Gott sei Dank keinen Anklang mehr. Aber die Abneigung vom Ackerbau und Gewerbe schwerer Art, die Hinneigung zu Wucher und Schacher, die man verläumderisch auf unsere Religion baflren will, die werden Ihre Herren Rabbinen nicht widerlegen. Wenig kümmert uns, womit man von außen das Judenthum das wahre und ächte brandmarken möchte; strahlend erhebend stände dieses Judenthum da, wenn sie nach innen es zu regeln, herzustellen, Kraft und Willen haben könnten. Aber was wollen die Herren Rabbiner nach innen vertreten? Hat je ein zu dem Mosaischen Bunde sich Bekennender irgend eine Grundlage der Religion angegriffen? Hat nicht vielmehr Jeder, Wahrheitsbegeistert, im Staube geduldet für die Wahrheit derselben? Was wollen sie also vertreten? wenn nicht jede, unschuldige Neuerung ihnen Angriff gegen die Religion ist? Freilich wenn ein hinauf- oder herabgeschobener Al Emer, wenn ein regulärer Kirchengesang, wenn ein Weiberscheitel ReligionSgegenstand wird, wenn eine zu gründende zeitgemäße Kinderschule, oder, was Gottbehüte, ein Rabbinatsseminar der Religion Umsturz droht; dann rufen wir Wehe über diese Vertretung nach innen, und sehen ihrem goldenen Zeitalter ägyptischer Finstcrniß,- die ihre religiöse Einziehung alles äußern Lichtes und unsere thränenschweren Augen um uns schaffen müssen, mit Bangen entgegen. — Wohl und mit Recht ward den Ungarischen Rabbinen der Vorwurf gemacht, daß sie weder Sympathie, -noch das Streben fühlen, die Judenheit zu vertreten oder den Vertretern derselben das Wort zu reden, sie zu ermuthigen, zu kräftigen, auf der Dornenbahn des Süpplizirens; sondern beinahe im Gegentheil, daß sie aufregen die schwachen, dem finstern Verdachte zugänglichen Gemüther, um blind für ihr eigenes und ihrer Kinder Heil entgegenzutreten, entstegeuzuarbeiten, und hinreichenden Stoff zn liefern unseren Gegnern, zu verzögern, nixdcrzuschlagen die Hoffnungen unseres endlichen bürgerlichen Seins. Darum erheben sich mit Recht jetzt wieder die Stimmen gegen den extremen Gegensatz, daß die Rabbiyer die Vertretung jetzt für sich allein ansprechen. — Gern wollen wir die Rabbinen aufnehmen in die Reihen achter Verfechter des Wohls, des Rechtes des Judenthums. Aber sollen wir jedem Rabbinen diese Reihen öffnen? Wir appelliren an Sie, Sie sind selbst einer der bedeutendsten, sind Ihre Amtsbrüder fähig heute, sind sie gestimmt für Israels materielles Glück zu kämpfen? Sie selbst müssen mit „Nein" antworten. Und das Befähigen der Rabbinen soll nach dem Protokoll, doch allein diesen Rabbinen wie sie heute sind, zustehen? Werden sie von Anderen ein Wissen, ein Wollen fordern, das ihnen selbst abgcht? Das ist keine Entschuldigung, „daß sie sie nur befähigen, die Gemeinden aber anstellen werden". Wird und kann eine Gemeinde einen Rabbiner anstellen, der keine Befähigung hat? Niemals! Warum also ein Recht für sich allein vindiziren, ohne ihm eine bestimmende Schranke zu setzen, ihm eine rechtliche zeitgemäße Norm zu Grunde zu legen? Nie würden Laien sich herausnehmenüber -Befähigung eines Rabbinen entscheiden zu wollen, wenn man ihnen nur die Aussicht ließe, daß sie Lehrer des Wortes Gottes bekämen, denen der Mensch auch etwas gilt. Diese Wortklauberei und Haarspaltung, Herr Rabbiner! ist übel bei uns angewendet. In Dunkel hüllt sich die Gottheit, aber dieses Dunkel entsteht aus glänzend'blendendem Licht. Die Verkünder ihres Wortes ahmen ihr schlecht nach, wenn sie das Dunkel wahret Finsterniß feststellen, verbreiten.wollen. Darum genügt es nicht daran, daß die Rabbinen sich zusammenfinden, weil sie laut ihrem Protokoll nur sich suchen. Darum können und dürfen wir uns nicht darin beruhigen, daß noch nicht festgesetzt oder gar nicht besprochen worden, wie Rabbinen, wie Liturgie, wie Schulen beschaffen sein sollen. Und sind wir sogar so gläubig, nicht an Ihrem persönlichen guten Willen zweifeln zu wollen, so sind doch die Elemente, mit denen Sie sich umgaben, die Art und Weise der Debatten, wie Sie solche zu leiten versucht, der Hohn, mit welchem unter Ihren Auspizien, die Meinungen und Reden zeitgemäßer andrer Rabbinen anfgenommen worden, durchaus nicht geeignet, Zutrauen einzusiößen. Darum ist es nicht Sarkasm,>er in diesen unseren Aeußerungen, nicht böswilliger Vorwurf, der aus unfern Worten zu Ihnen spricht; es ist aufrichtige Besorgniß, aufrichtiges Weh, begründete Furcht, eine Spaltung hervorgehcn zu sehen, von da, wo Einigkeit wachsen, Zerwürfniß, wo Friede gedeihen sollte. Sie wissen, eS lag nie in unseren Ansichten, das- Gewicht, die Autorität der Rabbinen zu beeinträchtigen, man verarge uns aber den Wunsch nicht, sie auch sich der Zeit nachbildcnd zu sehen, wie dieses für daSganze ungarische Israel Borbild, Muster sein sollte.