Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 21 (19.5.1845)
- Date
- 1845-05-19
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3225389-3225411--06912-3236769- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
dieses Kriegsstreites scheint mcistettS Mos auf Mißdeutung zu ruhen. Und nun zur'Sache! Die Opposition sagte': 1) „Die Rabbinen wollen uns nach innen und außen vertreten. Hat nicht die ganze kultivirte Welt dahin gedacht, die Geistlichkeit auf das Feld zurückzuführen, daß ihr dem Wortsinne nach gehört? rc." ferner: „wozu waren wir endsich selbst'da? Gott hat uns in seiner Gnade mit Einsicht und besten Willen begabt, fest an unserer Religion zu halten, (wozu uns unsere Rabbiner als Wegweiser dienen sollen) um dabei unsere Verhältnisse nach außen zu vertreten." Ganz zugestanden! Die jüdische Geistlichkeit bat nie gestrebt, die Grenzlinie ihres Amtsgeschäftes zu überschreiten und wünschte es vielweniger jetzt oder fernerhin. Die Rabbiner wollen nur innerhalb der Schranken ihres Berufs, im engsten Sinne des Wortes, die Wegweiser, ja Leiter und Vertheidiger ihrer Religion verbleiben. Das politische Interesse des israelitischen bürgerlichen Lebens, kann und soll blos durch Laien vertreten werden. Gehörte es aber nicht zum Berufsgefchäfte der Religionsvertreter, auch diese allenthalben zu verfechten, und sie gegen alle bos- . haften und falschen Anschuldigungen, in der Meinung der Oeffentlichkeit zu vertheidigen? um zugleich dadurch den Weg für ihre politischen Vertreter von allen ihr bevorstehenden Hindernissen zu räumen? — Denn die politischen Vertreter mögen immer noch so tapfer sich für ihre Religion in den Hallen der Großen zu verfechten wissen, wird es doch nur,als eine individuelle, intelligentere Meinung betrachtet und die Gehässigkeit und Vorurtheile gegen das ganze Judenthum dadurch mindestens gehoben! — Nicht so aber, wenn öffentliche Erklärungen im Namen der gesummten Rabbiner Ungarn'S erscheinen! Nur diese allein, diese sind im Stande, all' die verläumdrischen Zungen schwelgen zu machen. — Mit einem Worte, die Rabbiner sollen nicht did Judenschaft, sondern aber das Judenthum publiziel vertreten! — Es ist zum Staunen, was eigentlich die Antipathie vermag! Im Grunde wünschte der ortbodore und frömmere Theil nie von den Rabbinen das Vertreten nach Außen; blos von dem intelligentern Theil hörte man oft Beschuldigungen gegen die Rabbiner, daß sie es nicht ihres Berufs gemäß erachten, selbst ihre Religion zu vertheidigen. Und nun kommen sie einmal zur Erkenntniß desselben und glauben hiermit den Wünschen des intelligentem Theils näher geschritten zu sein und — sie toben dagegen!! — Wie ich glaube werden die heutigen meisten Rabbiner Ungarn'S es nicht verargen, wenn man sie hiervon befreien werde; es soll aber meines Erachtens keineswegs geschehen. Es soll einmal altem Verdacht in unseren Religionslehren vermittelst eines GesammtorganS der Grund genommen werden, es soll einmal öffentlich dargethan werden, daß unsere heiligen Lehren, keine der gesellschafts- und staatswidrige Lehren bergen. Und werden dennoch unsere Gegner die Rechte der Menschheit uns verhindern wollen, so sollen sie ihre Tyrannei mit finstern Verdacht nicht schützen, und die Antastung unseres Heiligthums nicht zur Maske ihres schlechten. Willens gebrauchen können. — 2) Klagt die Opposition fürchterlich, und hier liegt der Knoten — gegen Ausschließung der Laien, dann mit einer fast lächerlichen Anmaßung ausgesprochenen, kompletten hierarchischen Despotismus, der mit eiserner Geißel das Volk in allen seinen Lebensverhältnissen meistern will rc. Sie sucht vergebens sagte sie ein gelinderes Wort, um die gänzliche Ausschließung der Laien nicht Anmaßung zu nennen. — Ich suche vergebens in dem ganzen Aufsätze des Statutenentwurfs der Rabbinerversammlung ein Wort, das mir die Ausschließung der Laien deuten soll. Ja es ist nur in demselben die Erwähnung von Zuziehung derselben ausgelassen, und das vielmehr aus zurückgezogener Schüchternheit, nicht aber Anmaßung! ~ Wie wir's ferner deutlicher zu erklären die Gelegenheit haben werden. Indessen lassen wir untersuchen, wo hier mit Recht über Ausschließung der Laien und hierarchischen Despotismus geklagt werden könne! Die Synoden sollen Erstens: Rabbiner befähigen und anstellen, sagt die Opposition? Wie die Schlange — zügethan, um Alles einreißen zu können. — Anstellen nicht, sondern blos befähigen! Sollten etwa Laien zur Befähigung der Rabbiner, oder wie man's in der populären Sprache nennt: zu mTitt ausfolgen an dieselben, zugezogen werden?- Zweitens sollen die Synoden über religiöse Streitfragen entscheiden. Drittens die Liturgie dirigiren, — hat ja doch die Opposition selbst, wie oben, eingestanden, daß sie ihre Rabbiner als Wegweiser ihrer Religion anerkennen wollen! Viertens soll die Generalsynode Lehrpläne für das ganze Land statuiren. Hier ist der Ort wo Laien zu Rathe gezogen werden sollen. Die Lehrplane sollen mit Übereinstimmung von Laien und Rabbinen zusammen festgesetzt werden, damit die beiderseitigen Stützen der Erziehung: Welt und Kirche, politisches Wissen und Gotteslehre, wissentschaftliche Bildung und Gottesfurcht, sich paralel die Waage halten, um die zu erzielenden Lehrlinge als tüchtige Staatsbürger und zugleich als wahrhafte Kinder des ‘’HbiS aus dem Hause Jakobs erziehen zu können. Und dieses soll auch geschehen; das Muster der Rabbinen soll den Laken zum Vorbild dienen, es soll ein politisches Organ verfaßt werden, welches dem rabbinischen und geistlichen gegenüber die Waage haltend, auf alle politischen Bedürfnisse zu wachen habe. Kann zugleich die Geistlichkeit in ihren eigenthümlich angehenden Angelegenheiten einigermaßen kontrolliren (daß sie nicht in einen hierarchischen Despotismus ausarte) und in gewissen Fällen, als Liturgie und derogleichen, ihr beratschlagend Vorarbeiten, und es dann der Geistlichkeit zur Entscheidung vorbreiten; dann endlich in Fällen wo die Politik und Religion übereiustimmen muß, gemeinschaftliche Berathungen von Laien und Rabbinen zusammen abgehalten werden sollen. Diesem Allen widersprechen die Verfassung der Rabbincrversammlung nicht, indem von Ausschließung keine Erwähnung ist. Daß darin keine Erwähnung von Laien vorkomme? Die Rabbinen habenKeinem außer ihrem Zirkel Etwas vorzufchrekben, anmaßen wollen. Cs konnte die Hoffnung leicht austauchen, daß die Laien von sich selbst, sobald einmal nur die Rabbiner mit sich selbst allenthalben in Ordnung sein sollen, dem Beispiel folgen werden, und so endlich die General- oder Flnalftatutenverfassung eine ganz andere Form annehmen werde. Auf das zeigt genüg- und behutsam die Benennung und Aufschrift dessen: „skizzirter Statutenentwurf" nicht also festgesetzte Statuten, nur ein Entwurf, und das auch nur skizzircnd, nicht ausführlich. — Die Hauptsache ist, edler Herr! wie ich schon einmal bemerkt habe, dahin zu trachten, daß wir einmal die Gesammtheit der Ideen über Zweck und Absicht fest vereinigt haben sollen! Wir werden uns dann wegen der Form des zu erstehenden israelitischen religiösen und politischen Oberhauptes leicht vereinigen. — Was die Rabbiner unter Schulen verstehen? ist ja so weit erklärt in dem Statutenentwurf, mit den Worten: „daß die verfassende Lehrpläne die wissenschaftliche sowol als religiöse Erziehung in sich fassen sollen rc." Was sie unter Liturgie gemeint haben wollen? ist für jetzt aufrichtig nicht besprochen worden. Aber meines Erachtens leidet es gar keine Frage. Höchst genügend für den Anfang, daß man dieses festgesetzt haben wird; daß die Liturgieangelegenheiten durch ein dazu bestimmtes Organ für's ganze Land geregelt und dtrigirt werden sollen. Der Weise sprach: *2*1 ribfinrttt. — Dieses ist, hochgeehrter Herr! was ich Ihnen schriftlich zum Aufschlüsse mittheilen kann. Bis auf's mündliche Sprechen, welchem ich sehnsuchtsvoll entgegenharre, mit tiefster Hochachtung. P. H.