Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 21 (19.5.1845)
- Date
- 1845-05-19
- Page
- Seite 312 (sequence 4)
- Language
- German
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312 Was Steinheim vom Anputzen und Paradiren mit Leichen sagt, ist gewiß wahr, und sollte man die alte jüdische Sitte der Einfachheit gewiß nicht aufgeben. Was die Rede des alton. Rabb. betrifft, so ist es Sache unsres alton. Korresp. sich zu vertheidigen.^i In der No. 13 des IX. (diesjährigen) Jahrganges der.„Allgemeinen Zeitung d. Judenthums" liest man unter dem Titel „Privatmittheilung" die bittere Rüge eines Vortrages des Herrn Oberrabbiners Ettling er, den derselbe in einer Versammlung der frommen Brüderschaft der Beerdigung, wie üblich, am Vorabende des Monats Adar ("na rffr) gehalten haben soll. Der Berichterstatter, der Pseudonymus H. Kuschta, giebt uns mancherlei Detail, und selbst eine wörtlich wiederholte Stelle, die derselbe nicht anders, denn als Zuhörer jener Gottesackerrede, mit solcher Treue des Gedächtnisses und des Gewissens uns wieder zu geben im Stande war, und gießt seine scharfe Lunge darüber aus. — , In der That konnten wir unser Staunen nicht bergen, da uns diese Privatmittheilung zu Gesicht kam. An jenem Tage — so wird berichtet — an welchem jene Männer der Begräbnißbrüderschaft unter Fasten und Gebet „auf dem Begräbnißplatze" zubringen, habe Herr Ettlinger, dem selbst der Talmud zu aufgeklärt sei, sich zu Gunsten des frühen Begrabens erklärt, und damit geschloffen, daß er sich alle Mühe gegeben, diesen „heiligen" Gebrauch wieder einzuführen, „daß aber alle seine Schritte bei dem Könige darum erfolglos geblieben waren.". Herr Kuschta laßt nunmehr einige sarkastische Fragen folgen, in welchen unserm Herrn Rabbiner Worte in den Mund gelegt werden, die er gesprochen zu haben in Abrede stellt, und die außerdem so. sehr das Gepräge der Unwahrheit an der Stirn tragen, daß man sie, selbst ohne jene ausdrückliche Versicherung des Redners, für eine nicht sehr feine Unterschiebung halten mußte. Er sollte nämlich als Grund, aus welchem eine frühe Beerdigung eine heilige Pflicht sei, die kindische Fabel und den heidnischen Aberglauben angegeben haben, als ob gewisse unsaubre Geister, aus dem Tobten während seines Lebens durch mancherlei Umstände hervorgegangen (D^sn), sich ihm anhingen, und ihn ehe er beerdigt würde beunruhigten.. Wer unfern Herrn Rabbiner kennt, weiß, daß er zu tief von der' Heiligkeit der Offenbarung, der er dient, durchdrungen ist, als daß. er einen eben so lächerlichen als empörenden Aberglauben das Wort zu reden im Stande wäre. — Aber Herr Kuschta ist ein ehrenwerther Mann — wir wollen ihn hinter seiner Maske wenigstens für einen solchen halten — er ist die Wahrheit selber! Wir können daher nur annehmen, daß er, der auf jenem Begräbnißplatze die Rede mit angehört, durch die grimmige Kälte, die an eben diesem Tage herrschte, 'verhindert wurde, genau zuzuhören, daß er falsch vernommen habe. Kälte ist Feind der Nerven — sagt ein altes Apophthegma — und soll sogar Halluzinationen veranlassen. Halluzinationen, eigentlich „Fingersaugereien", dann, Sinnestäuschungen! Wäre ich mit unter den Zuhörern des Herrn Ettlinger auf dem Begräbnißplatze gewesen, so könnte ich etwas Näheres darüber mittheilen. — So aber bin ich darauf beschränkt, zwischen Herrn Kuschta's gutem Gedächtnisse und Herrn Ettlinger's Ablesen der ihm zugedachten Worte zu entscheiden. Da sind wir denn — denke ich — dem Redner, der sich einer Albernheit zu erwehren hat, wenigstens eben so vielen Glauben schuldig, als einem anonymen Berichterstatter, der ihn lächerlich zu machen beabsichtigt. Vielleicht findet sich Einer oder der Andere von denen, welche diese Rede auf dem Begräbnißplatze mit angehört haben, veranlaßt, uns ein Näheres über das, was Herr Kuschta gehört, Herr Ettlinger aber nicht gesprochen haben will, mitzutheilen. Wie gesagt, ich bin selbst nicht da gewesen, und muß mich daher, der Billigkeit nach, für den Redner erklären. Allein hat Herr Kuschta denn auch wirklich das gehört, was er gehört haben will; hat er es aus dem Munde des Rabbiners, auf jenem Begräbnißplatze wirklich gehört? nicht mit fremden, mit eigenen Ohren es gehört? — Er ist wahrhaftig gar nicht da gewesen! — Und woher ich das so gewiß weiß? Weil eben diesmal gar Keiner auf dem Begräbnißplatze gewesen ist, kein Redner und kein Hörer! Die große Kalte ward Veranlassung, daß man sich an jenem Tage in der Synagoge versammelte Dieß hätte ein getreuer Berichterstatter nicht übergehen dürfen. Oder hat er dem Mährchen dadurch neuen Nachdruck zu geben vermeint, daß er uns im Wahne läßt, es sei selbst bei 14° R. unter freiem Himmel