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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1845-05-19 · Heft 21 (19.5.1845) · p. Seite 310

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
9 (1845)
Issue
Heft 21 (19.5.1845)
Date
1845-05-19
Page
Seite 310 (sequence 2)
Language
German
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310 was er wolle, er (der Vater) habe es dann doch nicht vor Augen. Zum Unglück hatte der Vater.-noch einen dritten, - minder begabten Sohn, der hatte die Handlung erlernt, und konnte nun keinen Dienst bekommen, weil sich ihm nur Stellen in Geschäften eröffneten, die an den heiligen Tagen nicht geschlossen waren. — Das ist Alles Wahrheit. Wollt Ihr zum Vater sagen: Du hättest Deine Söhne nicht Arzt, nicht Maschienenbauer, nicht Handlungsdiener werden lassen sollen! Was denn? Ich kannte eine Familie, die hatte Schissbrnch gelitten im Leben. Nichts Seltenes. Aus demselben hatte der ehrliche Mann das Vermögen seiner Frau, in einigen hundert Thalern bestehend, gerettet. Was damit anfangen? Es war Gefahr da, in einem Jahre die Paar Thaler aufgezehrt zu haben. Da bot sich ihnen die Gelegenheit dar, wohlfeil eine Leihbibliothek zu kaufen. Ader die kann am Sabbat nicht zugeschlossen sein, und die ein- ’imb abgehenden Bücher müssen notirt werden. Der Mann stand lange an; schon wollte ihm die Gelegenheit entwischen. Die Aussichtslosigkeit seiner Lage zwang ihn. Er befindet sich wohl dabei. Aber dies ist es nicht allein. Alle diese haben, nachdem sie den Rubikon überschritten, ein Gesetz nach dem andern fahren lassen, und sind jetzt fast ganz ohne Verbindung mit ihrer Religion. Ich habe nur einige Skizzen, einige Farben aufgetragen — aber ist es Genußsucht, ist es BequemlichkeitSliebe, welche diese Leute dahin gebracht hat, wider ihren eigenen Willen und unter den härtesten Kämpfen den Vorschriften ihrer Religion den Rücken zu wenden? Wahrlich, wir sind alle gescheidt genug, um nicht wie die Sträuße den Kopf in die Erde zu stecken, und nun zu sagen: der Jäger ist nicht da, wir sehen ihn nicht. Wahrlich, wir sind alle gescheidt genug, um zu sehen, wohin dies ausgehen wird: zu dem gänzlichen Verfall unsrer Religion. Unsre Jugend entwächst den alten Verhältnissen ganz und gar, und in den neuen Verhältnissen finden sie Bedingungen, die dem Bestehenden in unsrer Religion so entgegen sind, daß sie aufhören müssen zu leben, wenn sie jenem treu bleiben wollen. Ihr sehet, ich schmähe die bis jetzt gültigen Vorschriften unsrer Religion durchaus nicht, o, ich erkenne den meisten — nicht allen Gebräuchen —einen hohen Werth zu, wenn sie lebendig sind, und in ihnen der Geist lebendig; das Judenthum hat ihnen Vieles zu danken. Aber die Nothwendigkeit, die unabweisliche, die gar nicht widerlegbare Nothwendigkeit gebietet ihre Erleichterung. Sie sind schwere, schwere Fesseln geworden, die die aufstrebende Kraft der Juden wund drücken. Wisset Ihr, was Ihr beim Verharren in den jetzigen Verhältnissen Euch in der Jugend erziehet? Nicht bloß Nebertreter des Gesetzes, sondern Feinde des Gesetzes, ja Feinde unsrer heiligen Religion in ihrer eignen Jugend!— Ich habe Menschen gekannt, die noch vor wenigen Jahren recht warme Anhänger waren, jetzt aber Schmäher, Verächter sind; die jetzt vom Aufhören der positiven Religionen sprechen, wie von dem Werk des kommenden Morgens, wie von der wünschenswerthesten Freiheit. O sie irren, sie irren — sollen wir aber bloß Feinde des Jrrthums, sollen wir nicht auch Freunde der Verirrten sein? Die Emanzipation darf nicht.erkauft werden, darf nicht mit der geringsten religiösen Konzession erkauft werden. Das wäre Feilschen mit der Religion. Das wäre niedrig. Aber wo sie da ist; wo sie gegeben worden? Sollen wir sie zurückgeben, abweisen? Sollen wir ln die Trödelbuden und Ghetti's zurückkehren? Das können, das dürfen, das sollen wir nicht. Wie einst unsre Väter der Nothwendigkeit folgend, aus dem heil. Lande zogen und den Opferdienst aufgaben: so müssen auch wir vom Kultusgesetz unsrer Religion aufgeben, was unvereinbar ist mit den Bedingungen der Gegenwart. Unsre Religion, die Religion des geoffenbarten dinigen Gottes blieb damals bestehen; sie bleibt auch jetzt bestehen. V. Wohin wir in der Geschichte Jsrael's blicken, sehen wir: in den Kultformen Anpassung an die Bedingungen der Zeit, frische, lebendige Umgestaltung. Wir wollen nur einige Züge hervorholen. In dem fünften Buche Moscheh, an der Gränze des Landes stellte Moscheh an die Spitze der Gesetze bei deren Wiederholung: daß nur ein Ort, den Gott erwählen wird, zum Gottesdienste bestimmt sein solle, dahin sollten alle Opferthiere gebracht werden, dahin sollten die Israeliten dreimal im Jahre wandern (5 Mos. 12. s. unser Bibelwerk Bd. I. S. 900 ff.) Und wie nun? Erst 480 Jahre nach dem Auszugs aus Aegypten, also erst 440 Jahre nach der feierlichen Proklamirung dieses Gesetzes kam es in Ausführung. Bis dahin meldet uns die Geschichte all' Augenblicke einen andern Platz des Gottes-

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