Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 20 (12.5.1845)
- Date
- 1845-05-12
- Page
- Seite 303 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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gehende sei. — Nebst -er Krankenpflege besorgt der Verein auch die Gebete für gefährlich erkrankte und verstorbene Mitglieder. — Der zweite Verein, dessen oben erwähnt, und der schon früher in der Allgem. Zeitg. des Iudenth. genannt wurde, hat trotz seines nur erst achtjährigen Bestehens, bereits die Kinderschuhe abgelegt. Sein kräftiges Wirken unter der Oberaufsicht des Gemeindevorstehers M. I. Landau und unter der Leitung des Dr. med. Karpeles bewährt sich in gewöhnlichen Zeiten in Erfüllung seines unmittelbaren Zweckes der Unterstützung verschämter Hausarmen; aber auch unter außerordentlichen Umständen leistet er Außerordentliches; so als durch die im verflossenen Juni stattgehabten Unruhen viele arme Leute im Betriebe ihres Gewerbes zeitweilig gestört waren, war er gleich Anfangs mit einem bedeutenden Betrage bereit, um bis zur Rückkehr besserer Zeiten auszuhelfen, und als durch das letzte Hochwasser so viele Familien in Noth versetzt wurden, so waren es die Vorsteher und Vorstandsbeisitzer dieses Vereines, die durch ihre Thätigkeit eine solche Summe zusammenbrachten, um die meisten Verunglückten selbst mit bedeutenden Betragen zu entschädigen. Unter solchen Umstanden ist es kein Wunder, wenn der Verein immer mehr an Mitgliederzahl wächst, und im Jahre 1844 hat sie von 540 auf 650 zugenommen. Möge der Vorstand im Geiste reiner Nächstenliebe und männlicher Unparteilichkeit zu wir-- ken fortfahren und er kann sicher sein, daß der Verein täglich mehr Anhang in der Gemeinde finden werde. Großbritannien. London, 25. April. (Privatmitth.) Man liebt es in deutschen Blättern, die ganze englische Judenheit als in den vollkommensten Stabilismus, in die altfrankistische Gläubigkeit versunken dazustellen. Jede geistige Regsamkeit, jeden Wunsch einer bessern und reinern Gestaltung halt man für nicht vorhanden. Allerdings ist es wahr, daß Einige der bedeutendsten Wortführer der englischen Juden völlig dem Judenthume des 17. Jahrhunderts huldigen. Allerdings ist es wahr, daß im Allgemeinen die Masse ebenfalls dafür gestimmt ist. Allerdings ist es wahr,, daß dem Engländer überhaupt ein v.eral- -tetes Gesetz, ein verjährter Gebrauch, eine überlebte Sitte nicht auffällt, da das englische Volk und der englische Staat hinlänglichen Ueberfluß daran haben. Aber nicht minder ist es wahr, daß eine große Zahl tüchtiger Männer diesem Zustande nicht angehören, diese Gesinnung nicht theilen. Dabei muß man bedenken, daß der Engländer, hat er sich einmal einer gewissen Richtung hingegeben, niemals in jener flachen und falben Gesinnungslosigkeit verharret, die dennoch Alles gehen läßt, wie es geht —die ist nur dem ^deutschen Juden eigen — sondern alsbald zur That schreitet, und eine Wirklichkeit vor sich haben will. Gerade diese tiefe Achtung vor dem Gesetze bringt ihn zu dem Verlangen, was er nicht mehr achten- und halten zu können glaubt, auch gesetzlich umgeschaffen zu sehen. Er ist geborner Feind aller weltlichen und religiösen Pascherei. — Gerade dieser Theil der englischen Juden setzten eine große Hoffnung in die Wahl eines Oberrabbinen, der voll Wissens und Gesinnungsfestigkeit, eine gesetzliche Reform des Kultus und seiner Pertinenzien durchzuführen im Stande sei. Er war daher damit übereinstimmend, daß es ein deutscher, ein studirter, ein mit dem Doktortitel der Philosophie geschmückter Rabbiner fei. In allem diesem glaubte er die Bürgschaft für die Erfüllung seiner Wünsche zu sehen. Dieser Theil der englischen Juden stimmte daher auch für den Or. Nathan Adler in Hannover. Denn ob auch derselbe seine Stimme noch niemals erhoben, sich noch niemals erklärt hatte: so meinte man, daß dies größtemheils in Lokalalverhältnissen läge, daß derselbe die Reife des Geistes und eine höhere, gesicherte Stellung erst abgewartet habe. Wie ward uns aber, als wir diese Tage das Ausschreiben der 77 Rabbinen ungarischer und deutscher Nation erhielten, und — den Namen des Or. Adler als einen der ersten erblickten! Alle Hoffnung ist uns genommen, aller Muth gesunken, noch bevor der Mann in unsrer Mitte erschienen! Wohl verstanden: auch wir sind nicht mit allen Schritten der braunschweiger Rabbinerversammlung einverstanden, und der ganze Geist derselben wollte uns nicht zusagen; wir glauben, daß sich dieses Institut erst herausbilden muß, und in Zukunft ruhiger, ernster, gemäßigter fortschreiten wird. Aber das Pamphlet der gedachten 77 Rabbinen geht von so krassen Ansichten aus, von dem Geiste des . Todes,