Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 20 (12.5.1845)
- Date
- 1845-05-12
- Page
- Seite 294 (sequence 2)
- Language
- German
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294 4) Sie muß geschehen auf dem Boden der gö Dlichey Offenbarung. Das JuLenthum ist ap und uimmermehr Rationallsmus. Das Judeythum steht mit dem Rationalismus im vollen Widerspruch. Denn Rationalismus ist die Läugnung des Judenthums geradezu. Das Judenthum ist durchaus geoffenbarte Religion. Die aus der göttlichen Offenbarung fließende Unmittelbarkeit Gottes ist eine seiner Hauptlebren, ist die Krone seiner Lehre. Die Offenbarung darf aber nicht mit einer Nonchalance behandelt werden, die mir nichts dir nichts abschneidet und wegwirft, was ihr im Augenblick nicht daran gefällt. Die Offenbarung darf nicht zu einer Krambude werden, aus der sich jeder Käufer holt, was ihm gut dünkt, und das Andre liegen läßt. Und wenn die Lehre und das Moralgesetz der Offenbarung unantastbar sind, so darf auch von ihrem Kultusgesetz nur aufgegeben werden, was die Nothwendigkeit der Ge schichte'verlangt. — Ja, noch einen Schritt weiter: 5) sie muß auf dem Boden der Vergangenheit und des Bestehenden geschehen. Was vom Bestehenden irgend Lebenskraft hat, was vom Bestehenden nicht geradezu dem Bedürfniß der Jetztzeit widerspricht, und mit ihm in völligem Gegensatz steht, was für die Gegenwart noch Leben und Wirksamkeit umschließt: das muß bewahrt bleiben. Mit einem Federzuge abschneiden, die Schiffe hinter sich verbrennen — nichts leichter; aber die Grundlage ist damit erschüttert, die Wurzel eingeschnitten — über kur; oder lang fällt der Stamm verdorrt und verwelket. Denn 6) eine Reform muß nicht allein 'die Gegenwart, sie muß auch die Zukunft im Auge haben. Es ist sicherlich ein Jrrthum, wenn man die Gegenwart für maßgebend für die Zukunft erachten würde. Welche Zeit hat sich nicht dafür gehalten, und wie anders ist es doch gekommen, welche andre Richtungen und Bedürfnisse haben sich aufgethan, und wie wich daher ein Jahrhundert nach dem andern in den Hintergrund? Die Reform muß sich daher fragen: enthältst Du auch die Keime einer lebensvollen Zukunft? schließt Du genug Schößlinge ein, die zu kräftigen Stämmen erwachsen können? oder stellst Du den Baum der Religion kahl und nackt hin, ohne Zweige, ohne Laub, ohne Knospe und Blüthe? Von wannen sollen dann die Früchte kommen? IU. Es ist assndings Zeit, daß man aus den Warten herauskomme, >nnd zur That schreite. \ Es ist allerdings Zeit, daß man dem, Brod verlangenden Volke keine Steine, sondern Brod, wirkliches Brod reiche. Es ist sicherlich Zeit, in den unendlichen Wirren des Judenthums einen bestimmten Pfad zu finden und den Suchenden zu zeigen. Man kann nicht mehr sagen, daß nur ein Reformkitzel gewisse Theologen treibe, nicht mehr, daß nur eine Klaffe der Juden aus Genußsucht und Bequemlichkeitsliebe eine Befreiung von beschränkenden Formen suche. Das Bedürfniß nach einer gewissen Umgestaltung hat alle Klassen der Juden durchdrungen, der arbeitsame Handwerker sehnt sich danach, der im Schweiße seines Angesichts keuchende Handelsmann blickt sich danach um — der ist jetzt der Bequeme, in träger Ruhe Genußsüchtige, welcher eine Reform mit hohem Tone und frömmelnder Geberde abweist, und das pochende Herz und den sinnenden" Verstand zurückschreckt mit einem eisernen — „Du mußt!" Vor Allem aber muß die Grundlage gefunden werden in der Geschichte. Man möchte so gern den Stillstand, den das Judenthum im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert erlitt, und der in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts sich wieder zu lösen begann, und in welchem der lebendige Geist des Judenthums in langer, träger Ruhe verharrte, gleichsam um zu einer neuen großen Entwickelung Kräfte zu sammeln, für den wirklichen Charakter des Judeuthums ausgeben, und darauf die Forderung gründen, daß auch die unbedeutendsten, spätest eiNgeschlichenen Gebräuche sich als ewige Gesetze geriren dürften, Gebräuche, die oft nur in einem minder großen Theile der Judenheit vorhanden sind. Doch kommen wir zur Betrachtung der allgemeinen Verhältnisse. Wir haben in der Geschichte Israels eine dreifache Periode zu unterscheiden: 1) die Zeit der Selbstständigkeit in Palästina; 2) die Zeit der bürgerlichen Ausschließung in den Ländern; 3) die Zeit der Aufnahme iu die bürgerliche Gesellschaft.