Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 19 (5.5.1845)
- Date
- 1845-05-05
- Page
- Seite 286 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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286 Verordnung vom 1. Juni 1833 hervorgebracht hatte. Welch einen Anblick dagegen gewahrte uns das Schicksal der Juden in einem Nachbarstaates Der auf ihnen lastende Druck und ihre unaufhörliche Erniedrigung hindern sie, sich zu heben. Wir müssen das Loos der hiesigen Juden bessern, sie auf gleichen Standpunkt mit uns stellen, und sie würden dies gewiß reichlich vergelten und so zum allgemeinen Wohle beitragen. Ein städtischer Abgeordneter äußerte: die Geschichte lehre, daß der Christ den Juden von sich gestoßen, und daß letzterer darunter gelitten hätte. Christus habe dies nicht gewollt. Er lehrte, es sei Ein Vater für Alle. Juden und Samariter wären ihm gleich gewesen. Christus sei mit keinem neuen Gesetze gekommen, sondern mit dem der ewigen Gerechtigkeit. Dasselbe sei in den Büchern Mosis enthalten: „Liebe Gott, liebe deine Nächsten," — und in diesem Gesetze seien alle andere enthalten. Es sei ungerecht, den'Juden vorzuwerfen, daß sie des Sinnes für alles Gute ermangelten. Aus der Geschichte sei uns bekannt, daß zu Zeiten Justinians, Juden und Heiden mit den Christen in Einigkeit gelebt und die ersten, die höchsten Aemter bekleidet hätten. Die Christen hätten angefangen, sich abzusondern, als sie von dem wahren Geiste des Christenthums sich entfernten. Damals habe die Verfolgung der Juden begonnen. Es liege nichts Befremdendes darin, daß die Juden sesthielten an den Lehren des Talmuds, welcher ihnen den Messias verheiße, der sie aus dem Stande der Erniedrigung erlösen solle. Man sage, die Juden hätten aufgehört, Juden zu sein, das heißt, sie seien zum reinen Mosaismus zurückgekehrt. — Was den Menschen zum Juden mache, das mache ihn auch zum Christen: denn jede Religion, auf den Glauben an Gott gestützt, sei das sichtbare Bündniß zwischen den Menschen und Gott. Betrachte man die Sache aus einem höhern Gesichtspunkte, so hätten die Juden jegliches Recht, mit uns gleichgestellt zu werden. Erwäge man indeß die Wirklichkeit, nicht minder, daß. die Vorschriften des Talmuds den Juden verböten, in Kriminal- und dergleichen Sachen Zeugniß abzulegen, überdies noch andere Hindernisse in den Weg legten, um ihnen eine vollständige Annäherung an uns unmöglich zu machen, so ließe sich bei dem gegenwärtigen Zustande der Juden nichts mehr thun, als worauf der Ausschuß antrage, und deshalb erkläre er sich für die Anträge der Mehrheit im Ausschüsse. Ein ritterschaftlicher Abgeordneter bestreitet nicht, daß die Juden in der Bildung nicht vorgeschritten, und mit ausgezeichneten Anlagen nicht ausgestattet seien, auch Reichthümer, welche sie in gewisser Beziehung an die Spitze der Plutokratie stellten, nicht besitzen sollten, dennoch sei es aber schwer, sie. den Christen, gleichzustellen. Die Ursache hievon sei, daß sie an einen Messias glaubten. Der Christ könne sich für einen Deutschen, Franzosen, oder einer andern Nation Angehörigen halten. Der Jude bleibe immer Jude. Er dürfe sich einer andern Nation nicht einverleiben, keine andere Religion bekennen, als seine eigenthümliche, welche eine politische Religion sei. Er könne daher keine andere Nationalität sich aneignen, ohne aufzuhören, Jude zu sein. Ein solcher Unterschied finde statt zwischen der christlichen Religion, welche auf Liebe und Freiheit basire, Und dem jüdischen Glauben, welcher sich eine Oberherrlichkeit über andere Völker anmaßte und über anderen Bekenntnissen zu stehen wähnte.-— Vor dem Gesetze mögen alle'Juden, naturalisirte oder nicht naturalisi'rte, den Christen gleichgestellt werden, aber zu Herren der Christen möge er sie nicht haben. Deshalb stimme er gegen die Emanzipation. Ein bäuerlicher Abgeordneter hält dafür, daß die Juden durchaus militärdienstpflichtig sein müßten. Ein städtischer Abgeordneter beharrt, nachdem die beiden Petitionen der Juden der Stadt Posen von Neuem verlesen worden waren, bei dem Anträge auf unbeschränkte Emanzipation der Juden. Ihre Religionslehre könne kein Hinderniß sein. Der Talmud sei kein Gesetz. Nur wenige Rabbiner lehrten nach demselben. Auch andere Glaubensbekenner hätten ihre Traditionen und Schriften. Es gäbe unter den Juden Sekten, wie unter allen anderen Glaubensbekennern. Die ganze Lehte ihrer Religion basire auf göttliche Satzungen, welche auch für uns als Gesetze gelten. Erinnern wir uns doch, daß wir als Kinder die Juden noch geschmäht, so wie die verflossenen Jahrhunderte sie erniedrigt hätten, heut aber fühlten undwüßten wir, daß auch siegreich uns, als Menschen nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen seien. Andere hätten bereits gesagt, daß die Fehler, welche wir ihnen jetzt Vorwürfen, ohne ihre Schuld hervorgerufen seien. Wir müssen