Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 19 (5.5.1845)
- Date
- 1845-05-05
- Page
- Seite 284 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225389-3225409--06874-3236729- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
284 den Zufall der Geburt angewiesene Vaterland -nie treue Liebe bewähren würden.; . In Belgien, Holland, Frankreich, überall, wo den Juden Staatsbürgerrechte verliehen worden, fänden sie sich in bedeutend größerer Minderzahl gegen christliche Bevölkerung, als bei uns, vor, und bedrohten sonach auch letztere nirgends mit dem Uebergewichte des Reichthums und der Macht.. Im Uebrigen lehre die Geschichte der neuesten Zeit, daß die aufgeklärtesten'Völker diejenigen, bei welchen die Idee für Freiheit die Rechtsbegriffe zuerst entwickelte und feststellte, gerade bei dem Emanzipiren Andersglaubender, in Folge gemachter Erfahrungen, mit der größten Vorsicht zu Werke gingen. Den Beweis hierzu liefere England in Betreff seines Verhaltens gegen Katholiken und Juden. Ferner müsse man nicht außer Acht lassen, . daß,bie Gleichstellung vor dem Gesetze nicht vermöge, den Geist, der Absonderung zu vertilgen, sobald derselbe auf den. Grundlagen eines eingesogenen Glaubens fest ruhe. . So sei die Absonderung derJuden nicht allein eine.Wirkung der talmudischen Vorschriften/ sondern habe ihren Ursprung im alten Testamente selbst, .in der einzigen lautern Quelle, des. israelitischen .Glaubens., Hieraus folge, daß der Jude, sobald er .sich dem. Christen irgendwie annähere, genöthigt werde, die eine ober die andere Vorschrift seiner Religion zu verletzen und somit die Sitten und den Glauben feiner Vater gering zu achten. Sollte also.die. vollständige Emanzipation der Juden mit einem Male erfolgen, .so würden, wir, bei deren gegenwärtigem Kulturzustande, ein Volk unter uns auftrxten, sehen, welches ohne Begriff und Ueberzeugung .von der höchsten Tugend; der Nächstenliebe ■— wäre; denn diese sei eine, 'ausschließliche Satzung, des. neuen. Testaments, letzteres, aber werde von den Juden nicht anerkannt." In Erwägung aller^dieser Gründe und mit Rücksicht auf den Antrag eines seiner Mitglieder um unbedingte Emanzipation, .^.erklärte sich der Ausschuß für eine Bitte an. des Königs Majestät dahin:. . 1) daß jeder Unterschied.— welcher nach der vor- . läufigen Verordnung vom 1. Junius 1833 zwischen naturalsirten. und nicht naturalisirten. Juden gemacht wird, aufgehoben werde. 2) daß. .alle, im .Sinne. dieser vorläusigen Verord-. nung für Einwohner des .Großherzogthums. Posen anerkannten Juden in ihren zivilen und ' politischen Rechten den Christen gleichgestellt werden möchten, doch unter Vorbehalt der im §. 20 sub. litt. b. untre, jener Verordnung ausgesprochenen Beschränkungen, und mit dem Zusatze: daß den Juden bei ihrer Ansiedelung auf dem platten Lande nicht gestattet werde, Gasthöfe zu unterhalten, und Schank, eben so wenig als Kleinhandel zu betreiben. Ein Mitglied des Ausschusses — ritterschastlicher Abgeordneter — von den, vom Ausschüsse entwickelten Ansichten abweichend, meint: Vor Allem müsse man sich eine kleine Vorstellung bilden von dem, welches die Ursachen und. welches die Folgen in der Erscheinung seien, die uns der gegenwärtige Zustand der Juden darbiete. Gott habe kein verworfenes Volk erschaffen. — Die Juden seien nur deshalb, weil sie bedrückt würden, so, wie wir sie heute sehen. Sie hätten nicht anders sein können, und — werden sie im erniedrigten Zustande belassen — so würden dadurch dieselben Folgen, wie bisher, hervorgerufen werden müssen. Wir müßten sie höher stellen — neben uns — ihr Ehrgefühl erheben — sie würden dasselbe erkennen und besser werden. Seit länger denn einem halben Jahrhundert offenbare sich eine neue. Macht — die öffentliche Meinung. Im Geiste dieser Macht hätten wir zahlreiche Anträge in Betreff sozialer Verhältnisse beschlossen, ein Gleiches sei das Gesuch der Juden um Emanzipation. Warum sollten wir sie nicht zu Aemtern zulassen, von welchen der Ausschuß, sie ausschließe. Werde die Wahl auf sie fallen, so. werde die Frage über ihre Würdigkeit nicht mehr zweifelhaft sein. Wir hätten das Beispiel anderer Völker nachzuahmen, und würden so die Zahl nützlicher Staatsbürger vergrößern. Er stimme für die Petition, verwerfe jedoch die vom Ausschüsse vorgeschlagenen Beschränkungen. Der Vorsitzende im Ausschüsse — ein gleichfalls ritterschastlicher Abgeordneter — tritt abermals für die Anträge des. Ausschusses auf und lenkt die Aufmerksamkeit der Versammlung auf die große Zahl der Juden imGroßherzogthume: Es gäbe Städte und Flecken,, 'in welchen die Juden, befänden sie sich erst im Besitze aller staatsbürgerlichen Rechte, sowol durch ihre Anzahl,, als glänzendeu Vermögens-.