Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 19 (5.5.1845)
- Date
- 1845-05-05
- Page
- Seite 278 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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27.8 dergeschrieben. Blieb es dabei stehen? Nein, die Mischna genügte nicht, die Gemara wurde niedergeschrieben. Blieb es chabetz stehen? Nein! .gerade nun häuften sich die Fragen, die Widersprüche mußten ausgeglichen werden. Maimonides schrieb seine Zad hachsakah. Blieb es -dabei stehen? Nein! auch hier war nur. ein neuer Anknüpfungspunkt gegeben. Der Schulchan Aruch ward -bgcfaßt. Auch diesem folgten die Kommentare auf den Fuß. Blieb es dabei stehen? Nein! Mendelssohn erstand. Und ob er auch die Verbindlichkeit des Gesetzes im ganzen Umfange bewahrte, dem im Innern geweckten neuen Geistesstrome nach Bildung, Wissenschaft, Entwickelung der Vernunft schuf er die Oeffnung, -en Ausbruch. So vernehmen wir überall ein frisches, lebendiges Vorwärts, so sehen wir hier nirgends einen Stillstand, von Abraham bis auf den heutigen Tag — wie kann man sagen: in Israel gäbe es kein Vorwärts? Das ist unwahr. Die Tora sagt: du sollst nichts Hinzuthun, nichts davon thun — ist Nichts hinzugethan worden? hat man keinen srninViPö gemacht? keine Erschwerungen? — und hat man Nichts hinweggenommen? fanden keine Aufhebungen, keine Erleichterungen statt? — Die Tradition sollte nicht niedergeschrieben werden, hat man sie nicht'dennoch ausgeschrieben? Die Gebete sollten nicht niedergeschrieben werden, hat man sie nicht dennoch niedergcschrieben? Wie? zur Zeit des ersten Tempels betete jeder Israelit, was ihm beliebte; zur Zeit des zweiten Tempels ordnete man gewisse Gebete an, eine kleine Zahl, zehn Blätter faßten sie. Unsre Weisen hielten streng darauf, wenig zu beten, aber andächtig, ja lieber gar nicht zu beten, als ohne heilige Inbrunst. In Rambam's Zeit war das Gebetbuch noch klein, und halte viele Verschiedenheiten. In den folgenden Jahrhunderten kamen die Piutimdichter auf, der und jener tüchtige Rabbi, der und jener gelehrte Chasan schrieb ein neues Gebet, und unsre Gebetdürstigen Väter nahmen es bereitwillig an: unser Gebetbuch wuchs zu Folianten an. Fürwahr, es ist überklar: Ln Israel fand zu allen Zeiten ein Vorwärts statt, und in verschiedener Richtung. 2. Die zweite Frage ist demnächst: ist ein Bedürfniß da in unsrer Zeit für das Vorwärts? Diese Frage ist leicht beantwortet. Das ganze deutsche Israel rufet wir ein Ja! zu; selbst.die müssen es eingestehen, welche jegliche Veränderung verwünschen, und gern die Stufe inue behalten, auf die die Väter uns gestellt. Doch sehen wir nach den Ursachen, aus welchen dieses Bedürfniß gekommen? . < . ... . Die erste Ursache sind: die veränderten Weltverhältnisse und die in diesen veränderten Verhältnisse der Juden. Sonst waren die Juden ausgeschlossen von der Welt, in ihr Quartier, in ihr Ghetto verbannt — jetzt sind sie in die bürgerliche Gesellschaft ausgenommen. Sonst waren die Juden kaiserliche Kammerknechte — je$t sind sie Glieder des Staates. Sonst hatten die Juden gewisse Privilegien, und alles Andere war ihnen entzogen — jetzt sind die Privilegien aufgehoben, und alles Andere, hier und da noch mit Ausnahmen, ihnen gestattet. Sonst war ihnen nur der Handel, und auch da nur gewisse Zweige vergönnt — jetzt jegliches Gewerbe, jede Kunst und Wissenschaft. Mit einem Worte: sonst halten die Juden einen Winkel des Lebens, einen kleinen, beschränkten für sich — jetzt ist ihnen das ganze, volle Leben geöffnet. Wer sieht nicht ein, daß diese große, ungeheure Umwälzung der Verhältnisse eine große Veränderung in den Bedürfnissen, den materiellen und geistigen, hervorbringeu mußte? Die zweite Ursache sind: die Väter, die Alten selbst. Ich frage Dich, Alter, der Du alles Neuere verwirfst, und fest und unabänderlich das Alte erhalten willst: was hast Du Deinen Kindern für eine Erziehung gegeben? Hast Du sie nicht in Lesen und Schreiben, in Sprachen, in Geschichte und Naturlehre ff. unterrichten lassen? Deine letzten Pfennige spartest Du auf, ihnen eine neuere Bildung geben zu lassen. Und nun wunderst Du Dich, daß sie dem Alten den Rücken wenden? daß sie sich nicht mehr heimisch in ihnen fühlen? daß sie nicht denselben Gang gehen, den Du und unsre Väter? Bist Du irgend billig, so siehst Du, was dessen-die Ursachen. 3. Ist also Möglichkeit und Bedürfniß für das Vorwärts in Israel erwiesen; so ist die schwierigste Frage: von welcher Art soll und darf dieses Vorwärts sein, auf daß gleicherweise die Pflichten gegen unsre Religion und die unabweislichen Bedürfnisse der Zeit befriedigt werden? Das Judenthum besteht aus: Lehre, Moralgesetz und Kultusgesetz. Die Lehre des Judenthums, die ewige Grundlage, der allgemeine Zweck des Judenthums: sie ist unan-