Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 18 (28.4.1845)
- Date
- 1845-04-28
- Page
- Seite 265 (sequence 5)
- Language
- German
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265 gentliche Charakter unserer Zeit ist; obwol vor unseren Augen dieser Schaffungstrieb die schönsten Früchte hervorgebracht und die glücklichsten Resultate zu Tage gefördert hat; ja obwol im Judenthum selber fett Jahren schon ein Geist, eine Regsamkeit und Lebendigkeit sich zeigen, die uns zu den schönsten Hoffnungen berechtigen, und ob auch namentlich in den Gemeinden zu Berlin, Königsberg und Frankfurt in der jüngsten Zeit Erscheinungen aufgetaucht sind, die, ob sie auch den Schein der Nachäffung an sich tragen mögen, dennoch aus innerstem Drange und tiefster Ueberzeugung entsprungen sind: so wollten mir doch ähnliche Bestrebungen hier bei uns nicht recht gefallen und ich wußte mir deren plötzliches Emporschießen gar nicht zu erklären. — Das Judenthum war vor Jahren von polnischen Rabbinern mit der schmutzigen Hülle vergangener ungebildeter Zeiten dicht verdeckt worden, die frische freie Lebenslust war ihm entzogen, die liebe Gottessonne durfte es nicht erwärmen, und nur karg und matt drang des Tages Frische in die kleinen Risse, die hier und da eine rüstige Hand ihm beigebracht hatte.— da siechte das arme Judenthum und keuchte seiner völligen Auflösung entgegen. Seitdem aber der Geist auch unter den Juden erwacht ist, seitdemdie Rabbinen auf deutschen Hochschulen mit der deutschen Wissenschaft sich befreundet, und die Bildung der Zeit in sich ausgenommen haben, seitdem ist auch das Judenthum von neuem Leben, von frischer Lebendigkeit durchdrungen, seitdem durchfließt feuriges Blut schäumend seine Adern und sein ganzes Wesen ist ein anderes geworden, sein Inneres kraftvoll und lebendig und sein Aeußeres erhebend und ansprechend. Wol nirgends mehr in Deutschland ist das Judenthum das alte geistliche und niederdrückende, es hat wol überall eine freundlichere ansprechende Gestalt angenbmmen, — wozu alle mit Riesensprüngen vorauseilen, ohne Berücksichtigung derer, deren Gemüth noch von alten liebgewordenen und unschädlichen Gewohnheiten sich nicht lossagen kann? — Freilich mag in Gemeinden, wo das Bessere Nur mühsam und schwach sich durchringen kann, wo die Orthodoxie ihr Haupt emporhebt, um alle neuen Blüthen zu vertilgen, freilich mag da das Gemüth der Besseren erbittert, und alle Schonung und Rücksicht verworfen werden, da mag der Widerstand reizen und zu kräftigem durchgreifendem Auftreten j anspornen. In Berlin namentlich, wo man die Orthodoxie, wie eine alte Jungfer aufputzt, sie mit modernen Läppchen behängt und mit frischer Schminke ihr die ausgezehrten leichenblassen Wangen bestreicht, in Berlin, wo Alles noch so fortdauert und fortbesteht wie in den früheren Zeiten, nur daß jetzt die erheuchelte Orthodoxie, wie früher die wahrhaftige in einem widrigen Jüdisch-Deutsch, sich in blitzenden und flimmernden Phrasen repräsentiren läßt; da mag freilich^ ein Auflehnen der Edlern gerechtfertigt, da mögen die Anhänger oder neuen Bestrebungen von dem Vorwurf frei gesprochen werden, als wollten sie mit Gewalt einen Bruch herbeiführen, ja es mag sogar entschuldigt werden, daß sie von vorn herein gegen jede rabbimsche Autorität eine Antipathie zu. haben scheinen. Doch hier bei uns, wo man endlich nach jahrelangem Kampfe, trotz der noch immer störrigen Opposition, dem freien reformatorischen Elemente den Platz errungen, wo man den Glauben und seine Formen in Einklang zu' bringen .bemüht ist mit den Anforderungen und Bedürfnissen der Zeit, hier, wo in der Synagoge ein erhebender und ergreifender Gottesdienst stattsindet, wo ein Rabbiner an der Spitze steht, zu dessen Wahrheitsstreben, szu dessen begeistertem Wirken für Fortschritt und Aufklärung der größte Theil der Gemeinde festes Vertrauen gefaßt hat; hier müßte allerdings ein so unerwartetes Aufwühlen, ein so plötzlicher Sturm bei wolkenlosem Himmel Bitterkeit und Indignation Hervorrufen. So waren in der That nach dem Erscheinen jener verhängnißvollen Erklärung in der hiesigen Zeitung vom 5. April alle friedlichen Verhältnisse in unserer Gemeinde erschüttert-, das Vertrauen sing an zu wanken und. der Unwillen gab fast laut auf allen Straßen sich kund. Eine Erklärung Geigers in einer folgenden Nummer der hiesigen Zeitung, die die entschiedene und freie Meinungsäußerung jener Männer zwar lobend anerkannte, sie aber doch zu einem vorsichtigen Fortschreiten ermahnte, namentlich sie in dem Entschlüsse an die Rabbinerpersammlung in einer Denkschrift sich zu wenden, bestärkte, vermochte auch nicht die aufgeregte erbitterte Stimmung zu besänftigen. Erst einer zweiten, durch das Oberoorsteherkollegium veranlaßten Erklärung Geigers gelang es, allmälig wieder die Gemüther zu beruhigen und die Erbitterung niederzuhalteru.