Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 16 (14.4.1845)
- Date
- 1845-04-14
- Page
- Seite 237 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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237 nem männlich-muthigen Auftreten für das Interesse des Glaubens angetrieben hat. Hier muß man um so mehr dieser neuen Bewegung mit voller Achtung begegnen, als die Männer, die. sie vertreten, sich einer gemessenen, der Würdigkeit der Sache anpaffenden Sprache befleißigt, und jeden Schein von Unduldsamkeit, von Spott oder Verachtung der hinter ihnen zurückbleibcnden Brüder von sich gewälzt haben. Sie haben offen und unverholen ausgesprochen, daß nicht das Streben nach bürgerlichen Rechten, nach Privilegien oder völliger Emanzipation sie zu diesem Schritte geleitet, daß sie vielmehr, von rein religiösen Motiven getrieben, dennoch so lange mit ihren Brüdern den Druck ertragen, und namentlich vom Gemeindeverband sich nicht lossagen wollen, bis der Geist der reinen Wahrheit über Alle gekommen, und Alle mit Erkenntniß erfüllt haben wird, um einzusehen, was wahres Judenthum sei, und was bloß durch die Trauer und den Druck der Zeiten angehäuft worden. Um vor dem Vorwurf des Leichtsinns, des Muthwillens sich zu wehren, werden sie ihre Ueberzeugungen und Wünsche, in einer gedruckten Denkschrift, den im Juli d. I. zu Frankfurt sich versammelnden Rabbinern offen vorlegen, um sie zu einer Ausgleichung und Versöhnung des Glaubens mit dem Leben, zu einer Berücksichtigung der Zeit und ihren Forderungen anzuregen. So ist nun, man kann es trotz der Vermehrung davon, nicht leugnen, unsere Gemeinde in zwei feindlich - gegenüberstehende Lager getheilt, und das dünne Häuflein der rechten Mitte steht verworren und weiß sich kaum aufrecht zu erhalten. Noch ist die Trennung nur eine geistige, eine in der Ueberzeugung der einzelnen Individuen ruhende, noch ist die äußere Einheit nicht gespalten , der Gemeindeverband nicht durchbrochen, von dem Grade des Mißverstandes oder der Toleranz von Seiten der Orthodoxie hängt es ab, ob der geistige Kampf ein materieller werden, ob an die Stelle des ernsten religiösen Sinnes, niedere Streit- und Verfolgungssucht treten wird. — Daß ein großer Theil der hiesigen Gemeinde mit dem allmäligen Fortschritt, mit den mäßigen, Schritt für Schritt gehenden Reformen, wie sie von Geiger bis jetzt unternommen worden, nicht zufrieden sein konnte, ist gewiß, denn unsere Zeit ist nun einmal eine beflügelte, eine mächtig dahinstürmende, sie will schnell erfaßt und eilig gehalten sein; — aber baß diese Partei eben auf eigenen Füßen weiter schreiten werde, war für Viele mindestens — überraschend. Geiger, der bei all den verschiedenartigen Elementen, die bis jetzt sich fortwährend hier kund gaben, eine feste Entschiedenheit des Sinnes zu bewahren wußte, scheint mir nun in eine arge Verlegenheit versetzt zu sein. Seine Stellung, diesen neuen Bestrebungen gegenüber, ist eine höchst schwierige und wichtige. Er liest die Wünsche und Ueberzeugungen eines großen Theils seiner Gemeinde klar ausgesprochen, er kann sie mit guten Gewissen nicht abweisen, nicht ausstoßen und verdammen, er muß sie berücksichtigen, und, um der Allgemeinheit willen, ihnen eine Bedeutung vindiziren — wie also in diesem zweideutigen, lichtwechselnden Zustande Wort und That gehörig abwiegen, um nicht zu verletzen und nicht zu verstoßen? — Eben so bestimmt dürfte die Denkschrift an die Rabbinerversammlung, die schon in den nächsten Wochen erscheinen soll, die zusammentretenden Rabbiner endlich zu einem planvollen, praktischen Eingreifen in's Leben bewegen. Bis dahin wolle Gott uns vor Zersplitterung und Zerstiebung bewahren. Tv. —. Der Artikel Ln der Breslauer Zeitung lautet folgendermaßen: Breslau, 1. April. Der erwachende Ernst im religiösen Leben scheint nun -auch den Juden die unhaltbare Stellung zum klaren Bewußtsein gebracht zu haben, welche die gebildeteren unter ihnen zu dem geltenden jüdischen Religionsbekenntnisse einnehmen. Von Berlin aus berichten die Zeitungen über Berathungen in entschiedenem Sinne; wir sind im Stande, auch aus der hiesigen Gemeinde ein merkwürdiges Aktenstück beizubringen, über das ein Kreis achtbarer Männer sich verständigt hat, und dessen Resultaten man wol mit großer Erwartung entgegensetzen darf. Wir lassen dasselbe hier ohne weitern Kommentar folgen, überzeugt, daß es die ernsteste Aufmerksamkeit der Leser auf sich ziehen wird: „Wir nehmen gegenwärtig eine schiefe und zweideutige Stellung ein zu dem Bekenntnisse, nach welchem wir uns nennen, und das uns die religiöse Erhebung spenden soll, uns und unseren Kindern; wir befinden uns dadurch in einem Zwiespalt, der 16*