Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 15 (7.4.1845)
- Date
- 1845-04-07
- Page
- Seite 219 (sequence 7)
- Language
- German
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219 terrichtswesens, unter Zuziehung von Männern des jüdischen Glaubensbekenntnisses, Vorbehalten habe, im Sinne und Geiste dieses Gesetzes zur Ausführung komme. Dann würde es einer anderweitern Gesetzgebung über die jüdischen Verhältnisse kaum mehr bedürfen. Bei der Abstimmung über die Frage, soll die Petition bei Sr. Majestät dem Könige befürwortet werden? entschieden sich 28 Stimmen bejahend und 16 verneinend, und obgleich hiernach die Ansicht des Landtages nicht zweifelhaft war, so kann doch die Petition nicht eingereicht werden, weil nicht volle zwei Drittel der anwesenden Mitglieder sich dafür ausgesprochen haben." Berlin, 28. März. (Privatmitth.) In der diesjährigen Generalversammlung der Gesellschaft der Freunde hielt der Vorsteher, Herr I. Lehmann, eine bemerkenswerthe Rede, die vielen Beifall fand, und auf Vieler Wunsch gedruckt worden ist. Wir heben aus derselben eine Stelle hervor, die allgemeines Interesse hat. „Allerdings ist die Periode längst vorüber, in der unsere Gesellschaft eine Zufluchtsstätte für Jünglinge war, die vor dem, die Gemeinde beherrschenden Despotismus ihre freie Ueberzeugung und ihre durch nähere Berührungen mit der Gegenwart modift'zirte Lebensweise im Schooße einiger Freunde bergen mußten. Allerdings ist auch die darauf folgende Periode dahingeschwunden, in welcher nicht bloß jener Despotismus gebrochen war, sondern auch alles religiöse Bewußtsein so weit sich verloren hatte, daß die traurigste Gleichgültigkeit gegen die Sache der Gemeinde, der wir angehören, des Glaubens, für den unserer Väter viele Jahrhunderte hindurch gelitten, um sich griff — in welcher aber diese Gesellschaft gleichwol ein sittlicher Haltpunkt blieb, um den sich, wenn auch nur in ihren Ausschuß- und Generalversammlungen, die sonst so vielfach auseinander gehenden wieder reiheten und wo selbst die Jünger des Jndifferentismus daran erinnert wurden, daß ihre Seelen noch nicht die Fähigkeit verloren hätten, sich durch ein edleres, sittlicheres Band umschlingen zu lassen. Gott sei Dank! auch diese Zeit liegt hinter uns, und mit dem Erwachen für die allgemeinen politischen, giebt sich auch ein Wiedererwachen für die unvergänglichen religiösen Interessen der Glaubensgemeinschaft kund, in der dieser Verein wurzelt und von welcher er, als dem Organismus, an den sein geistiges Leben gebunden ist, niemals sich lossagen kann. Haben wir es in unserer Zeit doch erlebt, daß Männer, die durch Amt und Beruf von der religiösen Gemeinschaft mit uns getrennt worden waren, als die wärmsten Vertheidiger unserer politischen Rechte auftraten, daß selbst ein Diener der christlichen Kirche keinen Anstand nahm, seines Herzens Unwillen über die Seelenkäuferei auszusprechen, die er aus eigenen Erlebnissen kannte; und so wagen es selbst die Zaghaftesten unter uns wieder, nicht blos jene verächtliche falsche Schaam von sich abzuthun, die den jüdischen Glauben,' wie das Wort „Jude" selbst, aus dem Bereich ihrer Ideen und Unterhaltungen bannte, sondern auch sogar sich und Anderen zu gestehen, daß die geläuterten Begriffe von dem Wesen Gottes, die sich allmälig mehr in der Welt verbreiten, unserm Glauben immer schon angehörten. Ja, das Herz schlägt uns wieder warm wann und wo wir aufgefvrdert sind, zu bauen statt wie bisher nur niederzureißen, wenn es gilt, Positives für zurückgesetzte oder bedrängte Brüder zu wirken, statt uns in jene poesielose, dürre Haide der Negation zurückzuziehen, in welcher kein Baum aus der Vergangenheit herüberragt, um uns Schatten zu gewähren, und keine Aussaat einer fruchttragenden Zukunft gedeiht." „Aber während jene Epochen eine nach der andern vorübergegangen sind und eine neue bessere Zeit heraufgeführt haben, hat unsere Gesellschaft einen Gedanken selbst dieser neuen Zeit schon vor mehr als einem halben Jahrhundert verwirklicht: den Gedanken nämlich der Vereinigungen zu gegenseitigem Beistand und zur Unterstützung derjenigen Gesellschaftsmitglieder, die durch Krankheit, Alter oder unglückliche Zeitverhältniffe in ihrem Erwerb heruntergekommen sind. Dieser Gedanke ist es, der hauptsächlich den Männern vorschwebt, die jetzt Zentral- und Lokalvereine gründen, und seine Realiflrung dürfte sich mit der einiger anderen ebenso praktischen Ideen als das einzige Resultat der heutigen, sozialen Bewegung Herausstellen.. Denn Alles, was einige Köpfe von einer allgemeinen Reform gesellschaftlicher Zustände träumen, ist eben nur ein Luftgebilde ohne innern und äußern Halt. Eine soziale Reform ist weder von einem Verein noch überhaupt nach theo- 'retischen Systemen herzustellen, sondern kann sich nur