Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 14 (31.3.1845)
- Date
- 1845-03-31
- Page
- Seite 202 (sequence 6)
- Language
- German
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202 Deutschland wagt Niemand, sich offen gegen die Emanzipation der Juden zu erklären; aber alle Welt sieht Hindernisse für diese große legislative Maaßregel. Die Advokaten loben den Scharfsinn und die Erfolge der Juden in den medizinischen Wissenschaften, aber sie erklären sie unbefähigt zur Einsicht der Rechtsfragen; die Minister und Abgeord- . neten erkennen sie für gute Bürger an unter der Bedingung, daß sie weder Wähler, noch Abgeordnete, noch Minister zu werden verlangen; endlich diejenigen, welche dabei von allem materiellen oder politischen Interesse entfernt scheinen, wollen nicht, daß die Juden emanzipirt werden, weil, wie sie sagen, man dadurch ihre providenzielle Stellung angreifen würde, welche sie immer für die Jsolirung und den Druck bestimmt hat. Man kann zu solchen Abgeschmacktheiten nur die Achseln zucken, aber sie verbreiten, sich, sie fassen in den Geistern der Masse Wurzel und schaden dem Fortschritte unendlich." — Im Verfolge überschüttet der Courier fran^ais noch die jüngsten Verhandlungen der badischen Stände mit seiner Ironie. —. (PUniv. israel.) Die Liste der Notablen der Mosel faßt 65 Namen, von denen 43 Wähler" und 12 Munizipalräthe sind. Die Totalsumme der Notablen der sieben Konsistorien ist demnächst 910, won denen 714 auf die Wählerlisten eingetragen sind. Wenn man nun annimmk, -daß die allgemeine Bevölkerung von Frankreich 34,060,000 ist mit 175,000 Wählern und wenn man die Zahl der Israeliten auf 100,000 anschlägt, so kämen auf diese Zahl nur 514 Wähler, anstatt der 714, ein Beweis für das Wohlbefinden und das mäßige und arbeitsame Leben unsrer französischen Glaubensgenossen. Auf der Liste der Notablen von Paris befindet sich kein einziger Weinhändler, was gewiß für die Moralität der Juden zeugt; man weiß in der That, welche Quellen von Unordnungen,- oft von Verbrechen die zahllosen Weinverkäufe sind, mit denen die Hauptstadt bedeckt ist. — —. Der Munizipalrath von Metz hat so eben einen außerordentlichen Beweis seiner Sympathie den Israeliten von Metz und seiner Achtung der Konsistorialbehörde dieser Stadt gegeben. Auf Ansuchen des Konsistoriums hat er einstimmig einen Zuschuß von 36,000 Franks zur Erbauung des Konsistorialtempels, an derselben Stelle wo der alte stand., vorirt. — —. PUniv. israelit. berichtet, von einem schwarzen Rande umschlossen, folgende Thatsache: „Wir haben den Tod eines braven Mannes zu beklagen und eine schreckliche Entweihung, begangen an einem sterbenden Israeliten. Es ist uns beschwerlich, in unserm Jahrhundert und unserm Lande ein. Attentat zu erzählen, vor welchem der Fanatismus des Mittelalters vielleicht zurückgeschreckt wäre, bei dem aber der Fanatismus unsrer Zeit weder Gewissensbisse noch Scham empfunden hat. Ehemals hat man uns den Dolch auf die Brust gesetzt und hat zu uns gesagt: Du schwörst Deinen Glauben ab oder stirbst! Darin lag noch ein gewisser Much, jetzt aber ist der Fanatismus feige, er wagt nur noch die Narren und die Sterbenden anzugreifen; er schleicht sich im Dunklen in die Familien ein, um hier den moralischen Mord, und geistige Giftmischerei zu begehen.! Dieser Fanatismus hat aus dem Dr. T er.quem einen israelitischen Märtyrer gemacht, an dem die französische Synagoge ein heiliges, ein immerwährendes Gedächtniß bewahren wird. Der Schmerz und Unwille gestatten uns nicht in diesem Augenblicke das musterhafte Leben dieses würdigen Israeliten zu erzählen. Geachtet und geliebt von seinen Mitbürgern, gesegnet und angebetet von den Unglücklichen und Leidenden, war Dr. Terquem während'vieler Jahre einer der geschätztesten Einwohner der Stadt. Metz. Man erinnert sich der muthigen und übermenschlichen Hingebung, die er bewies, als die Cholera in dieser bevölkerten Stadt wüthete. In allen israelitischen Anstalten, im Hospital, in der Rabbinenfchule, in allen armen Familien war er der treueste Arzt, der niemals die geringste Belohnung für seine Mühen, oft für seine materielle Hülfe, annehmen wollte. Während dieser arbeitsvollen Jahre, ließen ihm seine Treue für den Glauben seiner Väter -und seine Anhänglichkeit an seine Glaubensgenossen noch die Muße finden, sich mit den Institutionen des israelitischen Kultus zu beschäftigen und deren Dauer durch die Vervollkommenung zu sichern. Sein „Führer für die Beschneidung" ist in ganz Europa bekannt. Diese rastlose Thätigkeit bewirkte in ihm idas Bedürfniß der Ruhe. Noch mehr bestimmte ein häusliches Unglück ihn,-in der Hauptstadt das