Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 13 (24.3.1845)
- Date
- 1845-03-24
- Page
- Seite 190 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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190 zeugung führten, daß der iftael. Oberrath für keinen Stand weniger gesonnen ist, etwas Entscheidendes vorzunehmen und durchzuführen, wie gerade für denjenigen, von dem die Erhaltung und Förderung des Judenthums, die geistige, religiöse und sittliche Bildung der Gemeinden zunächst abhängt. Dieser Umstand hat die geistlichen und weltlichen Vorsteher der Synagogenbezirke Breisach und Emmendingen veranlaßt, unterm 26. März v. I. eine ausführliche Petition _an die 2. Ständekammer einzureichen, worin dringend gebeten wird: „Es möge die hohe Kammer bei der Regierung darauf antragen und hinwirken: 1) An die vakante Stelle 'des geistlichen Mitglieds des israel. Oberraths, unabhängig und getrennt von dem auffallender Weise fortwährend vakanten Rabbinate Karlsruhe, einen zeitgemäß gebildeten jüdischen Geistlichen zu ernennen, der mit den erforderlichen Kenntnissen und Fähigkeiten auch den guten Willen und die Thatkraft verbindet, ,die von der Zeit so dringend geforderte Verbesserung der jüdisch-kirchlichen Zustände zweckmäßig zu leiten und durchzuführen. 2) Den israel. Geistlichen überhaupt die ihrem heiligen Berufe und ihren hohen Pflichten angemessene, selbstständige Stellung zu gewähren und endlich 3) Den israel. Oberrath zur Rechnungsstellung über Verwendung der ihm zugetheilten israelitischen Umlagsgelder anzuhalten." — Diese Petition wurde schon bei ihrer Uebergabe in der Kammer freudig begrüßt; einmal deshalb, weil es als ein Gewinn angesehen wurde, daß Rabbiner und Vorsteher in der Ueberzeugung sich einigten, daß unser Kultuswesen nicht nur einer durchgreifenden Reform bedürftig, sondern auch dafür fähig sei, und daß sie entschlossen sind, mit Ernst und Nachdruck dafür zu kämpfen; und zum andern, weil sich in dieser Petition das schönste, unbegrenzte Vertrauen der Israeliten gegen ihre christlichen Vertreter zu erkennen giebt, indem sie die Mängel und Gebrechen ihrer kirchlichen Zustände unverhohlen vor den Bekennern der christlichen Religion aufdecken und denselben zutrauen, daß sie sich aus den Standpunkt erheben können, an dem Ausbau der Synagoge mitzuwirken und zur Erhebung der jüdischen Religion beizutragen. Dieses zutrauliche Entgegenkommen Seitens der Petenten wurde auch von den Ständen vollkommen gewürdigt und ihren Wünschen geziemende Berücksichtigung dadurch geschenkt, daß der Berichterstatter Zittel Namens der Petitionskommission in einem ausführlichen Vorträge den motivirten Antrag stellte: die fragliche Petition mit besonderer Empfehlung dem hohen Staats Ministerium zu überweisen. Mehrere Redner unterstützen in ausführlichen Vorträgen, die wir nachbringen werden, die Petition und den Kommissionsantrag, und Bassermann ist überzeugt, daß selbst die Emanzipationsfeinde beistimmen werden, da die Petition ja gerade die Bedingung enthalte, durch welche die Juden das werden können, was jene vor der Emanzipation von ihnen verlangen. Der Kommissionsantrag ward hierauf von der Kammer mit, an Stimme nein Helligkeit grenzender Majorität angenommen. Diese Petition, und die deßfallsigen Kammerverhandlungen widerlegen am unzweideutigsten jene wahrhaft ekelhaften Lobhudeleien und jenen erstickenden Weihrauch, mit welchem Jemand die jüdischen Blätter zum Ueberdruße erfüllt. Es wird dem israel. Oberrathe Niemand, am allerwenigsten irgend ein badischer Rabbiner die hohen Verdienste absprechen, die er sich durch mannichsache, erfolgreiche Bemühungen um die Angelegenheiten der badner Juden erworben hat, und die in der „Allgemeinen Geschichte des israel. Volks""), dankend anerkannt und öffentlich gepriesen wurden. Es hat der Oberrath seine ursprüngliche Aufgabe pünktlich und gewissenhaft gelöst; er hat auf mannichfachen Wegen die israelitischen Staatsangehörigen auf eine höhere geistige und sittliche Stufe emporgebracht; er hat für den Stand der jüdischen Volksschullehrer und den weltlichen Unterricht in den öffentlichen Schulen auf's väterlichste gesorgt: aber eben weil wir diese Mission schon längst als vollbracht ansehen, eben darum muthet man ihm jetzt eine' andere Aufgabe, höher an Bedeutsamkeit und Einfluß, an. Die Gegenwart heischt gebieterisch eine israelit. Religionsbehörde, gleichwie solche in der Christen- *) Karlsruhe u. Baden. Marx'sche Buchhandl. 1836.