Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 12 (17.3.1845)
- Date
- 1845-03-17
- Page
- Seite 178 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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178 Diese Ehrenfunktion (niL^L) wird noch am Jom-Kipurabend versteigert, und'ist dieses um so nochwendiger als der damit Beehrte sich zu diesem, mit vielen Feten und anderen Kosten verbundenen Kibud erst vorbereiten muß. — Beim Aufruf wird der Chathan-Tora von zwei Freunden unter einer Art Chupah (Baldachin) geführt, die ihm wahrend des ganzen Toravorlesens assistiren. Die Szene ist sehr feierlich. Gesang und Heils-Zurufen an den Gefeierten beschließt sie. Darauf ladet Letzterer die ganze Versammlung zu sich zu einer Fete ein, die durch Gesang und Tanz gewürzt wird. Nachmittags versammeln sich die Frauen in die nun menschenleere Männer-Synagoge, stimmen da einen eignen, einen Europäer gerade nicht sehr erbauenden Choralgesang an, und begleiten ihn mit einem ebenfalls eigenthümlichen orientalischen Tanz, wobei sie die überglückliche Frau des Chathan-Torah abwechselnd auf den Händen tragen und so mit ihr im Reigen herumtanzen. Letzter Gebrauch soll jedoch auf Vorschlag einiger aufgeklärten, vornehmen jungen Leute, denen dergleichen Konzerte und Ballette nicht mehr Zusagen müssen, abgeschafft werden. — Das Familienleben der Spaniolen ist so ganz patriarchalisch. Der Familienvater ist Fürst der Familie. Alles drehet und bewegt sich um ihn. Söhne wie Töchter, Schwiegersöhne wie Schwiegertöchter, Enkel und Enkelinnen, Alles umgiebt ihn, liebkoset ihn, horcht auf seine Wünsche, erfüllt gehorsam seine Befehle, erheitert ihn und pflegt ihn. Dieses schöne, höchst anziehende Verhältniß thut sich besonders am Krankenbette des Familienvaters auf eine rührende Weise kund. — In der Synagoge sitzen die. jüngsten Kinder sowie die Enkel des Familienvaters ihm zu Füßen. Nach ihm an . Rang und Dignität kommt die Familienmutter, dann der älteste Bruder u. s. f. nach der Anziennitat der Familienglieder. — Gewöhnlich betreiben die Kinder das Geschäft ihres Vaters auf gemeinschaftliche Rechnung, und so ist auch in ökonomischer Beziehung die ganze .Familie ein Haus. Alles'speiset, an einem Tisch, an dessen Spitze der Familienvater wie ein Fürst unter den Seinigen hecvorragt, und so wird der Segen des Psalmisten „deine Kinder, wie Oelzweige rings um deinen Tisch (Psalm 128, 3)" erst recht begriffen und veranschaulicht.— Vom ehelichen Leben der Spaniolen ist Folgendes hervorzuheben. Ehescheidungen gehören bei ihnen zu den größten Seltenheiten (die Gemeinde.hieb weiß, seit ihrer Entstehung — also, eirea fünfzig Jahre — noch keinen Fall anzuführen), nicht aber etwa dadurch, daß unter.ihnen keine Mesallianzen statt finden, sondern vielmehr dadurch, daß beide Ehegatten sich mit Geduld waffnen und selbst in schlimmsten Fällen lieber Alles erdulden als den sündigen, Gott in so hohem Maaße mißfälligen Gedanken einer Ehescheidung aufko.mmen zu lassen. . Das sonstige Verhältniß der Ehegatten zu einander ist ein orientalisch-talmudisches. Die Frau wird viel geehrt, aber wenig geliebt, wenigstens kann hier die Liebe nur als ein zufälliges Ereigniß nach der Hochzeit eintceten, weil sich ja die Eheleute bis zur Hochzeit fast nicht einmal sehen'dürfen. An den Geschäften des Mannes nimmt sie nie Theil (ein Gegensatz zu jener seltsamen Erscheinung in Polen wo die Männer in Pantoffeln und Schlafmütze, im Studierstübchen oder im Beth-Hamidrasch ihre Tage mit nichts vergeuden, während ihre Frauen in offenen Handlungen und selbst auf meilenweiten Jahrmärkten unter der Last der Arbeit seufzen). Die Spaniolin sitzt ruhig zu Haufe auf dem breiten weichen Diwan (eine Art niedriges türkisches Sopha von sehr bedeutendem Umfange, worauf mitunter dinirt, soupirt, geschlafen wird) mit gekreuzten Beinen unter sich, - strickt Strümpfe, ißt Dultschetz, denkt an nichts, giebt manchmal Assemblee's (aber nur für Spankolinnen) im orientalischem Style, und nimmt fast wöchentlich an einer spaniolischen Badegesellfchaft Antheil*). Um die häusliche Wirthschaft bekümmert sie sich wol dann und wann, doch verstehet hierin das Meiste das Stubenmädchen, das fast bei keiner bessern Spaniolin fehlen darf. Die Einkäufe der Viktualien auf dem Markte besorgt meistens der Mann *) Bei einer Badegesellschaft der Spaniolinnen gehet es folgendermaßen zu. Es versammeln sich mehrere derselben und halten einen feierlichen Zug nach dem Dampf- oder Schwitzbade (Wafserbäder giebt's in diesen Ländern keine). Dort bringen sie mit den verschiedenen 'Badefunktionen (Schwitzen, Waschen und Friktionen des Körpers mit wohlriechenden Essenzen, natürlich Alles vermittelst fremder Hände, da der Orientale im Bade die passivste Person von der Welt ist) einige Stunden zu, worauf maanigfattige Dultschezen und ein splendides gemeinschaftliches Mittagsmahl eingenommen wird. Zur bessern Würze der Mahlzeit wird ein Zigeunec- Musikquartett bestellt, und so verstreicht angenehm die Zeit bis gegen Abend, wo dann der feierliche Hekmzug mit Musik geschkehet.