Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 12 (17.3.1845)
- Date
- 1845-03-17
- Page
- Seite 176 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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176 der frühereZBesitzer, als auch ein liebendes Paar, dessen Existenz daran gehangen, zu Grunde gerichtet worden sein. - Als bereits Alle zusammen sind, tritt Lorenz mit der Anklage hervor. In Gegenwart Aller, reißt er die Heuchlerische Larve von dem Antlitze des verschmitzten Krida, und nachdem er die ruinirten Gläubiger zu befriedigen gesucht hat, setzte er hinzu: Noch bleibt diesem Herrn eine alte Schuld abzutragen: einen Greis hat er nm Zehntausend Silbergulden ausgeplündert; aber diesen hat er um Etwas beraubt, das ihm Niemand, Niemand wiederzugeben vermag." — „Und jetzt, nachdem ich das Elend gebrochen, welches ich ohne meinem Willen verursacht habe, und bevor ich die Mäklerlaufbahn verlasse, vor der es mich anekelt, will ich meine größte Pflicht erfüllen, welche ich meinem unglücklichen Vater schulde, und auf die beiden Böfewichter zeigend — wisset Elende! der akte Mann, dem Ihr die Augen durchstochen... dieser ist mein Vater gewesen!" Der Greis kommt hinzu, um die Szene noch rührender Zu mache. Lo renz. Vater! Hier sind deine einstmaligen Räuber! Der Greis. Hah! wer wird meinetwegen Rache üben an meinen Henkern?! Lorenz. Hier unten das Gesetz, dort oben Gott, der obzwar zögert die Bösen zu bestrafen. Alles stehet und überall gegenwärtig ist. Der Greis. (Mit zum Himmel gestreckten Armen.) Göttliche Gerechtigkeit! Das Stück hat also keines Kommentars nöthig, um den Standpunkt einfehen zu können, den der Dichter einnimmt. Als Devise könnte Szigligeti vor diesem seinen Schauspiele Lessing's Worte in seinen „Juden" voransetzen: „Wenn der Jude betrügt, so hat ihn unter neun Malen, der Christ vielleicht siebenmal dazu genöthigt;" denn dieser Satz würde die Tendenz des Ganzen am besten bezeichnet haben. Er führt der Freiheit der Juden nicht das Wort, er hebt ihre Tugenden nicht besonders hervor, er zeigt lediglich einen Zustand, einen unglückseligen und heillosen Zustand neben dem verderblichsten Luxus der Großen und der abscheulichsten Sittenlostgkeit der Hauptstadt. Er sagt dem Juden keine Schmeichelworte, wenn er ihn auch von dem bösen Einfluß des heutigen Zeitalters fern hält; sondern er zeigt den Juden wie er ist, aber zugleich, indem er seine betrübende Lage von der rechten Quelle herzuleiten weiß, macht er jedem einleuchtend, warum er so geworden ist. Ec stellt ein einfaches.Faktum hin, das gedrückte Recht neben der übermüthkgen mulation, die Fanforonade dem schlichten Menschengefühl gegenüber* **)), und stillschweigend ruft er gleichsam die Welt selbst als Richter auf. Nebenbei laßt ec einen Seitenblick in die Seele des jungen Israeliten werfen: wie viele Fähigkeiten in seinem Geiste durch den Glaubensdruck erstickt, wie viele edle und patriotische Gefühle in seiner Brust durch die Ausschließung seines Stammes von allem bürgerlichen Verband niedergehalten werden mußten; wie leicht daraus die Warnung fließt, den gedrückten Menschen so schnell nicht hintenanzusetzen. Das Rechtsgefühl, welches endlich Lorenz bei der, Wiedervergeltung des Lasters, gegen die Gläubigeren Tage legt, muß auch die Zuhörer, die auf die psychologischen, inneren Kämpfe des jungen Israeliten aufzumerken nicht im Stande sind, Hinreißen und auch der verstockteste Judenfeind muß das Gebäude mit den Worten Lessing's verlassen: „Nein, der Henker! es gkebt doch wol auch Juden, die keine Juden sind." — Hat der Dichter den Juden auf der ungarischen Bühne von seiner moralischen Seite in negativer Beziehung gezeigt, so wäre zu hoffen, daß bald Einer sich in Ungarn treffe, der, mit dem jüdischen Leben vertrauet, einen Charakter vor-' führen sollte, der — woran die jüdische Geschichte gewiß nicht Mangel leidet — als Muster des abgeschiedenen, frommen und anschaulichen Lebens, durch positive Tugenden der Welt vorgeführt werden sollte. Dem Verfasser sei aber ,hiermit der tiefste. Dank abgestattet, daß auch auf diesem Terrän er einer Richtung bekgetreten ist, die als nothwendige Eigenheit jedes hervorragenden Genies des heutigen Jahrhunderts, das gekränkte Menschenrecht wo und unter welcher Gestalt es sich darbietet, mit Eifer vertheidigt und dem Mißbrauche des Pöbels mit liberaler Popularität entgegen tritt — und dieses Merkchen behalten wir als schätzbare Reminiszenz für die Zukunft. — M. I. Fraenkel.*') *) Der Verfasser bestrebte sich sowol seine Grundidee besser auszudrücken, als auch den befriedigenden Eindruck noch mehr zu erhöhen, indem er die hier berührten Situationen auch bei der Ausstattung des Buches in zwei auf dem Umschlag des Merkchens abgedruckte Genrebilder, in ihrem Kontraste vorstellt. **) No. 5 d. I. hat sich in meinem Berichte ein Druckfehler eingeschlichen, der sehr entstellend ist: anstatt Kossuth, heißt es: Rossuth.