Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 12 (17.3.1845)
- Date
- 1845-03-17
- Page
- Seite 169 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3225389-3225402--06752-3236600- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
169 dem Jugendunterricht eine eigne Bahn einzuschlagen, dieses Alles — wozu führt es? — Zu Parteiungen im Innern und Verdächtigung im Außen; kein Lauerndes kann je zu Stande kommen, das Bestehende wird im Wachsen unterdrückt und den böswilligen Insinuationen der Judenhasser wird dadurch stete Nahrung zugeführt. In rastloser Lhatigkeit bereitet sich alles zum künftigen Reichstage vor;' mögen die Juden Ungarns dies beherzigen, mögen es besonders die wahrhaft gebildeten Rabbiner beherzigen, „denn Israel ist kein Verwittweternoch giebt es Männer hier mit hohem Geiste und fühlendem Herzen, die auf den Grund des Uebels längst gekommen und auf die Heilung auch bedacht waren; mögen-sie es, erwägen, daß man sich weder durch Einschmeicheln die Gunst des Volkes erwirbt, noch durch Mißtrauen vor Druck sich wahrt, sondern daß zuvörderst Israel erstarkt muß werden in sich, erstarkt im Glauben, im gemüthlichen Glauben, damit es hohle Vorwürfe nicht zu scheuen habe und dem schnöden Hohn des Leichtsinns mit Muth entgegen treten könne, wodurch es auch keine nationale Erziehung zu fürchten haben wird, weil es trotzen kann den Verderbnissen in derselben, und das Fußgestell befestigt ist, auf das sie sich stützt! — Prag, 24. Februar. (Privatmitth.) Unsere deutsche Hauptschule hak in der Person des bisherigen Oberlehrers H. M. Winterniz einen neuen Direktor erhalten, und seine Vorführung, die gestern im Prüfungssaale der Normalschule stattfand, gab Veranlassung zu einem rührenden Feste. Der bescheidene Mann wollte in seiner Anrede freilich nur seine Anziennität im Dienste, als Grund seiner Beförderung zugeben; aber der Ruf der Redlichkeit in dem er bei der Gemeinde steht, die Liebe der Zöglinge, die er sich durch fein leutseliges, echt schulmännisches' Benehmen erworben, und sein sichtbares Streben nach Verbesserung der Schuleiurichtung sind gewiß die einzigen Triebfedern die unfern Gemeindevorstand und die Diozöseschulenaufsicht veranlaßt haben, seine Anstellung bei der hohen Landesbehörde eifrigst zu betreiben. Möge der würdige Mann in seinem neuen, erweiterten Wirkungskreise mit der alten Thätigkeit für das Wohl der Jugend fortarbeiten, und sich zu Gemüthe führen, daß, wenn der hochwürdige Domscholast in seiner Vorführungsrede unsere Normalschule zu den besten, „deutschen Schulen" der Hauptstadt zählte, es ihm andererseits als Direktor einer „jüdisch-deutschen" Schule obliege, nun unbeschadet des deutschen Unterrichtes, auch solche Lehrgegenstände in der Schule einzuführen, die für die religiöse Ausbildung der israelitischen Jugend nothwendig sind, und gewiß wird ein solches Unternehmen beim Gemeindevorstande eifrigste Unterstützung finden.-Ein anderer Gewinn, den unsere Gemeinde gemacht, ist die gestern erfolgte Besetzung der Predigerstelle durch den Dr. Meist aus Stettin, und es wäre nur zu wünschen, daß die Erfahrungen, die dieser Mann gewiß an ausländischen jüdischen Schulen gemacht, bei einer etwa hier zu organisirenden Religionsschule benutzt würden, so wie es überhaupt an der Zeit wäre, dem Prediger einen größern Wirkungskreis in der Gemeinde zu eröffnen, um ihn in den Stand zu setzen, das, was er in der Predigt nur-anregen kann, auch unmittelbar in's Leben einzuführen. —— Äußer diesen zwei für unsere Gemeinde interessanten Ereignissen, setzt feit einiger Zeit noch ein drittes die Gemüther in Bewegung, und das ist die Steuerfrage. Wie aus der Allg. Zeitg. d. Judenth. bekannt, sind vor zwei Jahren behufs der Aufhebung der böhmischen Judensteuer Schritte gemacht worden und zwar vergebliche, und die böhmische Judensteuer muß, wer weiß wie lange noch, in das große Kontobüch, das für Israel in der Geschichte offen ,liegt, eingetragen werden. Ein darauf eingereichter Plan, wodurch mit der Zeit wenigstens ansehnliche Ersparnisse bei den Regiekosten hätten erzielt werden können, fand gleichfalls keine Berücksichtigung. Da nun in den einschlägigen Petitionen viel von dem Drucke, den die Judensteuer auf den Armen- und Mittelstand ausübt, gesprochen wurde, lag es sehr nahe, die Regierung werde auf Maaßregeln antragen, um dem Mittelstände die Last zu erleichtern, und dafür die Reicheren mehr in Anspruch zu nehmen. Aber hier liegt^die Schwierigkeit, denn wer ist reich? oder wer möchte unter solchen Umständen für reich gelten? Alle diejenigen, die gestern noch unter den.Fittigen des Pauschales — einer Abfindungssumme, für die man auf einige Zeit gegen eine höhere Vermögensfatirung geschützt ist — hochmüthig mit dem Gelde in der Lasche klingelten, werden nun mit einem Male bescheiden, und es ist nun ein Jammer die 12 *