Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 11 (10.3.1845)
- Date
- 1845-03-10
- Page
- Seite 156 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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156 wärtige jüd^ Geschlecht in Ungarn genossen hat, seine wenigen jüdischen Kenntnisse, die es meistens dem sinnlosen Treiben solcher Jeschiboth verdankt, wo es ohne System in der Lehrweise, ohne Ordnung in der Mittheilung, bloß dem Götzen des Buchstaben huldigend einherging, theils ist der, aus jener Sachlage natürlicher Weise folgende Mangel an einer freien und gründlichen Forschung im Judenthum, den man auch in den meisten ungar. Gemeinden antrifft, daran Schuld, daß man ein schnödes Witzeln über die heiligsten Jntreffen der Religion für Vorurteilslosigkeit ausgiebt, ein seichtes Aufgeklartthun mit zeitgemäßer Bildung verwechselt und den, der sich über religwse Gebräuche am leichtsinnigsten hinaussetzt/ für einen von Aberglauben besreieten Geist hält. Schwankend also zwischen den morgenländischen Ueberlieferungen seiner Väter und der europäischen Gesittung seiner Mitbürger, steht der ungar. Jude inmitten, die mahnende Stimme seines zweifelnden Gewissens und die mächtigere des Zeitgeistes zugleich vernehmend, unschlüssig/ welcher er zuerst sein Ohr zu leihen habe; Thatsachen, die sich auch bei einem solchen bestätigen, der,zwar einen Anstrich von einer bessern Erziehung genossen, aber noch nirgends festen Boden gefaßt hat: die reale Welt reißt ihn in ihren Wirbel mit sich fort, ohne daß er sich von der geistigen, religiösen ganz loszusagen im Stande wäre. Dieser Umstand ziehet auch betrübendere Folgen nach sich, als es vielleicht, oberflächlich genommen, Einem Vorkommen mag. Die wankelmüthige Unsicherheit, mit der der Jude Ungarns seinen Glauben bewachtmachen ihn scheu gegen jeden Angriff, ja schon besorgt gegen eine unfeindliche Anfrage, wo er, anstatt mit den Essentialien des Judenthums zu entgegnen und das unverfälschte Metall in seinem Glanze zu zeigen, genöthigt ist, da ihm bloß die Unerquicklichkeit der Methode seiner ersten jüd. Lehrer, aber nachdem er zur Besinnung gekommen als Ersatz derselben kein anderes religiöses Prinzip eingeleuchtet hatte, mit hohlen Erwiederungen den Ankämpfenden abzuspeisen und unechte Schlacken zur Schau zu stellen; und weil überall, so auch hier die. Extreme zuletzt sich leicht, berühren, so gehört es in Ungarn nicht zu den seltenen Erscheinungen, den orthodox erzogenen Israeliten von den Vorwürfen, die ihn von den Christen über seine Absonderung treffen, mit der Ausweichung sich rein zu Wäschen „daß ihn das Ganze wenig interessire, wenn er es nicht diesem oder jenem zu Liebe beibehalten müßte." — In gesellschaftlichem Verkehre wieder ist die stete Unbestimmtheit von Seiten der ungar. Juden Hauptursache, daß die weite Kluft zwischen dem jüdischen und christlichen Einwohner Ungarns noch immer nicht ausgefüllt ist und zugleich ein gewaltiges Hemmniß, daß die israelit. Jugend nicht von solchen Ausdrücken im gemeinen Leben läßt, die sich nur durch den Druck der Zeiten angesetzt haben. Denn nur als Ausfluß einer unfreien Erziehung kann es betrachtet werden, wenn z. B. um Eines von Vielen anzuführen, man den Nichtjuden im Munde des hiesigen Juden mit dem ausschließlichen Namen „Ungar" benennen hört; wenn man auf die zerknirschte Haltung des hiesigen Juden vor einer „hohen Herrschaft", auf feine zurückhaltenden Manieren in christlicher Umgebung stößt, wie jener im Letztem einen Theil einer höhern Ra§e von Geschöpfen wahnend, es nicht wagt, das Gespräch auf das außer dem Gebiete des Geschäftsverkehrs Liegende hinzulenken; wenn man das Mißtrauen überhaupt durchblickt, das sich in dem Umgänge der Juden Ungarns mit der christlichen Bevölkerung darthut, wie sie, noch der frühem Lieblosigkeit und der scharf markirten Aristokratie der Vorzeit eingedenk, meistens die Bewegungen in der Gegenwart ganz ignoriren; während in Ungarn der Judenhaß schon einen Schlupfwinkel aufsuchen muß, wohin er sich vor der Entrüstung der Oeffentlichkeit zu flüchten gezwungen ist; während es schon hier dem Edelmanne ein Schandfleck ist, wann er sich, wie vormals, thatsächlicher Mißhandlungen gegen seinen Untergebenen, worunter auch der Jude mitzurechnen ist, etwa erlaubt; bei den öffentlichen Verhandlungen und dem raschen Umschwünge der Ideen, es schon Niemand wagt mit grundloser Judengehässigkeit herauszurücken, ohne sich in der liberalen Partei bittere Gegner zu verschaffen; selbst der Magnat schon es höchst ungern siehet, wenn der Jude sich ihm gekrümmt und gebeugt naht, und vor seinem Worte wie vor dem eines Despoten zurückbebt; wie derselbe aus einer solchen erniedrigenden Stellung die verderblichsten Schlüsse ziehen muß: daß der Sinn des Juden ein für allemal verknechtet bleibe, daß der Jude um seines-Eigenutzes willen im Staube sich zu winden fähig sei. — Diesen bei-