Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 9 (24.2.1845)
- Date
- 1845-02-24
- Page
- Seite 114 (sequence 2)
- Language
- German
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114 Es darf daher mit Nichten eingewandt werden, dys; der mosaische Staat bloß für Israel instituirt war, And ebctt sd Wenig, daß der mosaische Staat niemals existirt hat. Auch der mosaische Kultus hat niemals vollständig existirt, und so gut wie wir in religiöser und moralischer Beziehung vom Nationalen und Historischen absehen, und das Allgemeine als allgemeine Lehre aufstellen, so sind wir es auch in sozialer und politischer Beziehung berechtigt. „Du sollst dich heiligen, wie Gott heilig ist," ist ein Satz, der dem Menschen das allgemeine Ideal aufstellt; „Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst," ist ein Satz, der dem Menschen das allgemeine Ideal aufflellt, so stellt auch nicht minder „Ein Gesetz und Ein Recht für alle Menschen" der menschlichen Gesellschaft das Ideal auf, nach dessen Verwirklichung um so mehr zu streben ist, je mehr hierdurch den verworrenen Verhältnissen der Gesellschaft, wie diese sich seit Jahrtausenden gemacht haben, entgegengetreten wird. Was haben wir aber hierdurch gewonnen? Wir haben für diesen ewigen Grundsatz der Gesellschaft den festen, religiösen Boden gewonnen. Er ist nicht mehr ein Produkt der Zeit, nicht mehr das Produkt des von der Geschichte abstrahirenden Verstandes: er ist das auf dem unmittelbaren Boden göttlicher Offenbarung unerschütterlich wurzelnde Grundgesetz der Gesellschaft, er ist der seit vier Jahrtausenden überkommene Grundgedanke der menschlichen Gesellschaft, dem diese seit vier Jahrtausenden durch alle Phasen der Entwickelung ebenso zureift, wie der Lehre vom einigen Gotte. Es ist nun jedenfalls höchst merkwürdig, daß das Judenthum, trotzdem der mosaische Staat nie ganz existirte, und trotzdem die Juden aufhörten, ein Volk zu fein und einen Staat zu haben, dennoch bis in die neueste Zeit den Charakter einer gesellschaftlichen Institution behalten hatte. Die Völker und Staaten, in deren 'Mitte die Juden geschleudert wurden, zwängen durch Ausschließung und Druck die Juden, ein Volk im Volke, einen Staat im Staate zu bilden. So behielt das Judenthum außer seinem religiösen Inhalt immer noch auch einen sozialen und politischen Charakter, und war so, wie die mosaische Institution wollte und war, ein religiössozialer und religiös-politischer Körper. Dabei ist es denn leicht zu beobachten, daß, ebenso wie im jetzigen Judenthum sein allgemeiner religiöser Inhalt der vorwiegende geworden, vor dem die speziellen und historischen Elemente immer mehr erbleichen, so auch in gesellschaftlicher Beziehung durch die Emanzipation der politische Charakter der Gemeinden immer mehr verwischt wird, je tauglicher und befähigter das Judenthum wird, auch seinen allgemeinen sozialen Inhalt herauszuschaffeu. Um so mehr also istes. an der Zeit, dem Jirdenthume auch seine soziale Bedeutung zu vindiziren und zu verschaffen. Es scheint uns von der größten Wichtigkeit sowol für die ganze Gesellschaft, als auch für das Judenthum im Besondern. Nach dem Beispiele des Christenthums hat das Judenthum bis jetzt nur seinen intellektuellen und moralischen Inhalt bearbeitet, und den sozialen gänzlich liegen lassen. Aber seine große gesellschaftliche Lehre muß herausgefördert werden. Es ist an der Zeit. Man sagte bis jetzt: die Religion ist für den Menschen als Individuum, für die Gesellschaft der Staat. Die Religion lehret den Menschen Gott erkennen, lehret ihn sich selbst als unsterbliches Wesen begreifen, lehret ihm die Liebe und die Heiligung, daß er durch einen solchen Wandel befähigt werde in das ewige Leben einzugehen. Aber die Religion hat Nichts mit dem Staate, mit der bürgerlichen Gesellschaft zu schaffen, dieser ist von jener unabhängig, bildet, gestaltet sich und bestehet durch sich selbst. So sagte man. Aber die Folgen dessen waren erstens: ein ewiger Zwiespalt zwischen der Religion und der menschlichen Gesellschaft. Die Religion gebietet: liebe deinen Nächsten wie dich selbst, und die Gesellschaft übet den Haß, zwischen Volk und Volk, Stand und Stand, Konfession und Konfession. Die Religion will durch die Liebe einen einigen Bund aus allen Gliedern des Menschengeschlechts machen: a-ber in der Gesellschaft ringt Einer gen den Andern, es ist ein Kampf Aller gegen Alle. Die Religion gebietet: Du sollst nicht tödten, und die Gesellschaft drückt dem Menschen den Mordstahl in die Hand. Die Religion gebietet: Du sollst nicht stehlen, und die Gesellschaft nimmt ganzen Völkern ihren Grund, und Boden, zerstört durch Razzia's das Eigenthum ganzer Stämme. Und die zweite Folge: eine maßlose Verwirrung in der menschlichen Gesellschaft, die von Tag zu Tage wächst. Da ist Drang und Druck aller Orlen. Reben dem Palast, darin Ueppigkeit ohne Maß, stehet die Hütte,, darin Elend ohne Maß; Zehne haben Ueberfluß» Hunderttausende hungern; Zehne genießen, Hunderttausende arbeiten. So ist aus der Menschheit ein dumpfes Chaos geworden, in welchem die Lösung verloren gegangen.