Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 8 (17.2.1845)
- Date
- 1845-02-17
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
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107 toren. Hatte es sich zuerst um ein vollständig Allgemeines, den ganzen gesellschaftlichen Zustand der Juden gehandelt und nur Konservative und Radikale gegeben, so hatten sich nun bereits von den letzter» die Konvertirten und die indifferent Gewordenen getrennt; die Revolution war dadurch gemäßigter geworden, die Partei des Fortschritts hatte sich dann aus der des Stillstandes wieder neu rekrutirt, und in Folge davon traten jetzt ganz andre Gegensätze, nämlich Neu- und Altgläubige auf. Weil diese Trennung keines eigentlich religiösen, sondern mehr sozialen Ursprungs war, griff die Sache der Reform bald mächtig um sich; ein edleres Streben haben, sich bilden und dem neuen Ritus angehören, galten fast als eins und dasselbe, und noch heute vermögen es, besonders manche ältere Männer nicht zu begreifen, wie man sich zum jungen Israel zählen und doch für den modecnisirten Glauben kein Interesse haben könne. Wie über alle Gestaltungen des Lebens, so hat auch über diese erst die Zeit entschieden. Die Reformen sind längst ins Werk gesetzt; aber mag man auch über sie vom religiösen Standpunkt aus urtheilen, wie man will, den Zweck, um dessen willen sie ursprünglich unternommen wurden, haben sie keineswegs erreicht. Es hat sich herausgestellt, daß die Reform eine besondere Angelegenheit im Judenthume sei, welche mit seiner allgemeinen Revolution mindestens nicht identisch ist. Wir haben Neugläubige genug, welche noch durch und durch alte Juden im Leben sind, während sich auch schon unter den Orthodoxen Männer der Zeit und des jungen Lebens gebildet haben. Das bisherige Prinzip war also, gelinde ausgedrückt, ein ungenügendes gewesen; es mußte ein tiefer eingehendes an seine Stelle treten. Es war damals gerade die Zeit einer erneuerten politischen Aufregung; die Verfassungen, das Verhältniß der Einzelnen zum Staate bildete den Mittelpunkt alles Denkens und Handelns; demgemäß wurde nun auch an der Judenfcage eben diese Seite hervorgehoben. Die bürgerliche Stellung des Juden muß verbessert werden, der Druck, unter dem ec noch immer seufzt, ist die alleinige Hemmung des jungen Lebens; so lautete das neue Prinzip, und mit ihm entstand die noch heute sehr weit verbreitete Partei der Emanzipationisten, zunächst nicht isolirt, noch mit den Männern der Reform vereinigt, dann aber auch ganz unabhängig von denselben. Der Kampf wandte sich nun von Innen nach Außen; Ringen und Streben ward auf Anerkennung der bürgerlichen Rechte von Seiten der Staatsgewalt gerichtet; darum hat er auch unter den Juden selbst keine neuen Parteien gebildet, man kann bei ihm den Emanzipationisten höchstens die Indolenten entgegensetzen. Er bedarf schon weit mehr das Wesen der Sache, drang weit tiefer auf den Kern des Uebels ein; aber auch er ist, und zwar wegen seiner ausschließlichen Richtung nach Außen ein einseitiger geblieben." In der Thal stehen wir jetzt am Anfang einer neuen Periode. Als die Revolution der jüdischen Verhältnisse nach dem Ausscheiden der Konvertirten und Indifferenten den Händen der von uns als Jakobiner bezeichneten Männer entrissen wurde und in die Reformatoren, dann der Emanzipationisten überging, ist sie zwar in Rücksicht auf Ausdehnung und Erstarkung fortgeschritten, hat zugleich aber in den, was ihre Grundansicht, die treibende Idee ihrer Bewegung bildet, unendlich verloren. Diese Zeit ist jetzt gekommen; die jetzt zu Männern heranreifende Jugend Israels weiß die Bestrebungen der Vergangenheit nach vollem Verdienste zu schätzen und zu ehren, aber sie selbst kann bei diesen Halbheiten nicht stehen bleiben, und unsre Gegenwart wird wiederum ganz radikal. Die bisherigen Bestrebungen, erscheinen uns als unvollständig. Die Reformen des Gottesdienstes werden von uns nämlich je nach der religiösen Ansicht des Einzelnen gebilligt, verworfen, oder mit gleichgültigen Augen angesehen; wie dieselben aber auch für sich betrachtet werden mögen, und welchen allgemein fördernden Einfluß sie auch geübt haben, in dem Kampfe, um den es sich eigentlich handelt, sind sie Einigen höchstens eine einzelne Seite, Anderen nicht einmal dies, sondern eine fremde Sache. Wir fordern für die Masse Kultur, die Reformatoren meinen noch immer den — Kultus; das ist die weite Kluft zwischen ihnen und uns. Und die Emanzipation? Die Bemühungen für ihre Erlangung werden auch fernerhin einen nothwendigen Theil unsrer Thätigkeit bilden müssen, da die bürgerliche Stellung für das ganze Leben und Streben zu wesentlich ist. Aber die Gleichstellung hat an den meisten Orten nun bereits so lange auf sich warten lassen, ihre Erwerbung hängt außerdem sowenig von uns selbst ab, nimmt von unsrer Seite so sehr nur die Waffe des Worts und die passive Thatkraft des Höffens und Ausharrens in Anspruch, daß wir uns aus Ueberfluß an Energie nach neuen Angriffspunkten umsehn und uns nach einem Umschwung unsrer Angelegenheit sehnen, durch welchen auch unseren eignen Kräften eine rege Mitwirkung und damit