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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1845-02-17 · Heft 8 (17.2.1845) · p. Seite 106

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
9 (1845)
Issue
Heft 8 (17.2.1845)
Date
1845-02-17
Page
Seite 106 (sequence 10)
Language
German
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106 <3aä)t. Den 18. Dezember vorigen Jahres wurden alle in Chur sich befindenden Israeliten vor das Verhörrichteramt berufen und ihnen daselbst eröffnet: „sie haben zufolge kleinräthlicher Weisung den Kanton sogleich zu verlassen." Solche Weisungen kommen bekanntlich sonst nur übelbeleumdeten Individuen zu, und darnach zu schließen, waren die in Chur damals anwesenden Israeliten etwa schäbige Juden, Wucherer, betrügerische Hausirer u. dgl. In diesem Falle hätte die h. Regierung Graubündens nicht nur gerecht, sondern auch höchst weise gehandelt. Wie aber, wenn rechtsgenügend nachweisbar ist, daß alle jene Israeliten sehr achtbare und unbescholtene Männer sind, von denen einige sogar amtliche Stellen bekleiden? Wie, wenn die meisten derselben nicht einmal Handel treiben und ein Paar von ihnen demLande an Lausenden Verdienst verschaffen? — Und das ist die Wahrheit und wir machen uns anheischig, es Wort für Wort zu belegen! Die Regierung stützte ihren Beschluß auf folgenden Paragraphen in dem vom letzten Großen Rathe angenommenen Gesetze über das Hausirwesen: „Den Juden ist der Aufenthalt im Kanton, um in diesem irgend Handel zu treiben, untersagt, demnach auch keinem Juden ein Handelspatent ertheilt werden soll." Die Betheiligten wandten sich in einer unterthänigen Zuschrift an den Kleinen Rath, worin sie bei diesem ansuchten: man möchte sie anhören, sie wollen beweisen, daß sie jenes Gesetz nicht treffe. Der Kleine Rath erwiederte: „In Erledigung Ihrer gestrigen Einlage soll die Unterzeichnete (Staatskanzlei) Ihnen zur Kenntniß bringen, daß dem von Ihnen gestellten Gesuche nicht entsprochen werden könne." Das sind die höchsteigenen Worte der wohllöblichen Regierung von Graubünden. Als Pendant zu dieser erbaulichen Geschichte möge Folgendes dienen: Zur nämlichen Zeit (irren wir nicht) wo oben Erzähltes geschah, erhielt auch ein französischer Israelit, der im Kanton Graubünden ein Bergwerk besitzt, die Weisung, das Land zu verlassen. Dieser aber wandte sich sogleich an den französischen Gesandten, und dieser ließ der Regierung in Chur sagen, im Falle sie auf ihrem Beschlüsse beharre, so werden sämmtliche Graubündner in Paris diese Stadt binnen 14 Lagen räumen müssen. Das wirkte und der französische Jude durste und darf bleiben. Ist das nicht eine höchst drollige Geschichte?! Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit! — Schade um die schönen Worte, daß sie so mißbraucht werden, Knechtschaft, Vorrechtlerei und Kabinetsjustiz zu verbergen. Personal- und Lokalnachrichten. Irrt in. Des Königs Majestät haben mittelst Kabinetsordre vom 23. Januar d. I. dem bei der Artillerie- und Ingenieurschule als Lehrer Angestellten Hauptmann Burg von der Artillerie (einem Israeliten), wegen Bearbeitung der zweiten Auflage seiner geometrischen Zeichnenkunst die goldene Medaille für Wissenschaft zu verleihen geruht und ihm dabei die allerhöchste Zufriedenheit mit seinem Bestreben zu erkennen gegeben. Literarische Nachrichten. Magdeburg, 2. Februar. Die Sprachverhaltnisse der heutigen Juden rc. (Fortsetzung.) Sie begriffen von vorn herein, daß die Aufgabe, um welche es sich handle, nach der bisherigen Auffassung, der gemäß das ganze altjüdische Leben zu vertilgen war, ihre Kräfte weit übersteige, daß es vor Allem aber der That bedürfe. Auf diese Weise ging aus dem Streben nach einer einflußreichen Wirksamkeit ein Rückgang, eine Beschränkung der ursprünglichen Ansicht hervor. Wo es auf's Handeln ankommt, da ist eine Vereinigung aller Kräfte gegen einen Punkt das Gerathenste; man wünschte daher, einen passenden zu finden, griff zu dem Zweck eine einzelne Seite des alten Lebens auf, verwandte alle seine Thätigkeit auf diese, und Gewohnheit brachte es bald dahin, daß man über dem gegenwärtigen den wesentlichen Kampf vergaß. Der Glaube hatte damals im westlichen Europa wieder mehr Geltung gewonnen, er war es auch gewesen, der die Christen von den Juden anfänglich getrennt hatte. Daher ward nun zuerst auf ihn geachtet; man redete sich ein, daß ec das neue Leben hemme; man wünschte ihn daher zu vernichten, und da dies nicht ging, wenigstens zu verändern. Das Prinzip der jüdischen Bewegungspartei hieß in der jetzt folgenden Periode demgemäß: die Religion muß umgestaltet werden, nur sie steht der Verwirklichung des neuen Lebens entgegen; und aus den Jakobinern wurden — Reforma-

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