Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 8 (17.2.1845)
- Date
- 1845-02-17
- Page
- Seite 105 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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105 mit einzelnen Ausnahmen — ein Verdienst daraus, einen Paragraph um den andern außer Wirksamkeit zu setzen. Die Rabbiner wissen es und schweigen dazu. Man will staats-rechtgläubig sein. — Selbst in die Schulen will man wieder Gegenstände einführen, die aus den triftigsten Gründen längst daraus ^verbannt sind, und junge studirte Rabbiner in Ornat und ohne Bart geben ihre Gutachten dafür ab! — Wird es gelingen? Soll's rückwärts gehen? Man muß immer einige Schritte rückwärts gehen, habe ich kürzlich gelesen, will man einen Sprung vorwärts machen. —. Dem Verein gegen die Lhierquälerei, welchem von Seiten der allerhöchsten Stelle jeder mögliche Vorschub geleistet wird, sind bereits auch viele Israeliten beigetreten und es wäre zu wünschen, daß dies noch in größerer Zahl geschehe. Für wenige Kreuzer kann man Mitglied werden. Nicht als wäre das für sie als Israeliten nöthig; man weiß, wie höchst selten Thierquälereien bei ihnen Vorkommen, wie der Ungebildeteste einem ausweicht, aber es würde der Beitritt auf's Neue den Beweis liefern, wie wir alles Reinmenschliche so gern fördern helfen. —. Als Steins Nachfolger zu Burgkunstadt ist endlich, nach vielen Gastpredigten eingeladener Kan-, didaten, und nachdem die treffende Regierung diesem Unwesen durch Anberaumung eines kurzen Termins zur Wahl, ein Ende gemacht hatte, ein Herr Traub gewählt worden, der dem Vernehmen nach mit irdischen und geistigen Gütern begabt sein soll. Der Mann hat jedenfalls Glück in einer Gemeinde angestellt zu werden, in der man von den gewöhnlichen Plackereien des Rabbiners nichts weiß, und nicht in die Mitte zweier, schwer zu befriedigender Parteien gestellt ist! —. 0r. Aub zu Bayreuth soll nach Kassel kommen. Die Schweiz. St. Gallen, 30. Januar. (Privatmitth.) Ich übersende Ihnen folgenden nachdrücklichen Artikel, welchen die „eidgenössische Zeitung" über eine widerrechtliche Handlung jüngster Zeit enthielt, und den Sie der Allg. Zeitg. d. Judenth. einzuverleiben gebeten sind. „Die wahrhaft liberale Presse, welche allen Ungerechtigkeiten einer leidenschaftlichen Vorzeit mit siegendem Muthe entgegentrat, fiel in neuerer Zeit auf den Gedanken, nachzudenken, warum die Söhne Jakobs überall als Aussätzige betrachtet und behandelt werden, und fand den Grund dieser im 19. Jahrhundert ungeheuer auffallenden Erscheinung nicht in der Sage, nach welcher einer ihrer Glaubensgenossen dem todtmüden Erlöser die Ruhe verweigerte, noch in jener, welche sie Christenkinder rauben laßt, um ihr Blut durch Nadeln abzupeinigen und zu religiösen Gebräuchen zu verwenden, u. s. f. (derartige Sagen hat jedes Land aufzuzählen), sondern in jenen Fehlern der Menschheit, die alle großen Verfolgungen, vom Beginn des christlichen Zeitalters bis auf unsere Tage, schufen und unterhielten. Ein Schrei des Entsetzens wiederhallte bald nach dieser Entdeckung, die in der That leichter war als diejenige von Amerika, vom Norden bis zum Süden: „Die Juden sind Menschen wie wir, es giebt ehrliche Männer unter den Nachkommen Jakobs wie unter uns; frei müssen sie sein wie wir; es ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, daß man eine Nation aus Vorurtheilen, welche aufzuzählen sich jeder Vernünftige schämte, unter ein barbarisches Ausnahmsgesetz stellt k." — Und siehe: es wirkte! Man fand unbegreiflich, wie man diesen Ungeheuern Kontrast mit der heutigen Welt: „daß eine ganze Nation ohne Ausnahme verurteilt wird", nicht schon gesehen und abgeschafft habe, und beeilte sich, die Sünde zu tilgen: die Emanzipation der Juden wurde theoretisch .laut proklamirt; ob sie es in praxi auch ward, ist uns unbekannt, wird und muß aber nach und nach auch noch geschehen. — Dieser pompöse Eingang und die kleinliche (wir wollen nicht mehr sagen) Geschichte, welche wir dem Publikum nicht vorenthalten dürfen und die sich im Kanton Graubünden zutrug; ja, in Graubünden, wo man „liberal" spricht, schreibt und handelt; in Graubünden, wo mehr als eine sogenannte „liberale" Zeitung erscheint; in Graubünden, wo ein Reformverein existirt; in Graubünden, wo man sich neulich wie wüthend gegen wahre oder vermeintliche Anmaßungen (das haben wir nicht zu entscheiden) einer unklugen Kuria wehrte, ja, in Graubünden, und nicht etwa in einem abgelegenen Dorfe, wo ein Despot en miniature ungestraft oft die schrecklichsten Ungerechtigkeiten übt, sondern in der Hauptstadt selbst, wo am meisten Licht gefunden werden sollte. Zur 8*