Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 8 (17.2.1845)
- Date
- 1845-02-17
- Page
- Seite 102 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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102 führt wird, daß grade jetzt, wo eine innere Vereinigung und Erstarkung noch thut, ein grroßer Theil in blindem Fanatismus sich losreißt und seine eignen Brüder gern verdammen und verketzern möchte. — Um den Widerstand bis auf's äußerste zu treiben, haben sogar die Altgläubigen gegen das besagte Ministerialreskript an den Stufen des Thrones protestirt, haben petitionirt, daß es ihnen gestattet werden möge sich von der Gesammtgemeinde loszusagen, und sich als eine besondere Glaubensgenossenschaft zu geriren, daß Tiktin als ihr alleiniger Rabbiner anerkannt würde, und daß überhaupt alles Gemeinsame, jede Koaleszenz zwischen ihnen und der eigentlichen Gemeinde aufhören solle. Noch ist ihnen kein Bescheid zugekommen, und man ist in der That hier begierig, welche Aufnahme diese bescheidenen Forderungen bei unserem gerechten, jeden Fortschritt begünstigenden Könige gefunden. So stehen die hiesigen Angelegenheiten, allerdings traurig und unerquicklich, betrübend und niederdrückend für den Fernstehenden, der sie eben nur auf der Oberfläche der äußern Erscheinung betrachtet; aber gottlob es ist nicht gar so schlimm. Das äußere Leben allerdings ist starr und ungedeihlich, schroff und abstoßend, aber im Innern, da kreist das Blut frisch und lebenskräftig, da klopft das Herz stark und muthig. Die äußeren Klippen und Hindernisse haben uns nicht entmuthigt und geschwächt, im Gegentheil, sie haben uns gekräftigt und gestählt. Unser religiöses und kirchliches Leben gedeiht unter der eifrigen Thätigkeit unseres Rabbiners Dr. Geiger zur wahrhaften Erhebung aller Edlen und Gutdenkenden, unser Gottesdienst ist rein von jedem unheiligen Elemente und unsere Synagoge kann nunmehr würdig den besten Synagogen Deutschlands angereiht werden. Für alles Erhebliche in Israel herrscht hier eine wahrhafte Begeisterung, und jeder echte Fortschritt, jede heilsame Bestrebung auch in der Ferne findet hier die freudigste Theilnahme. Seitdem das Ministerium ein Denunziation in Bezug auf die Reformen im Gottesdienste zurückgewiesen, kann man sich allerdings etwas freier bewegen; die Reformbestrebungen haben mehr Sicherheit und Festigkeit und brauchen nicht mit stetem Rückblick auf die stets offene Hinterthür unternommen und ausgesührt zu werden. Traurig ist es, daß die edle Begeisterung der einen Partei für den Fortschritt bei der andern nur ein desto böswilligeres und trotzigeres Festhalten an alte Mißbräuche hervorbringt. Als nämlich in einer der hiesigen Nebensynagogen, wohin das fromme Gotteshäuflein sich geflüchtet, einige zeitgemäße Veränderungen im Gottesdienste beantragt wurden, so z.B. das Abschaffen des Mizwothverkaufs, des übermäßigen Schreiens beim Beten, wurden die unglücklichen Neuerungssüchtigen von den zornentbrannten Frommen fast erdrückt und alle schrieen sie: es dürfe Geiger zum Trotz nicht .das Mindeste an der bisherigen Form des Gottesdienstes in ihrer Synagoge geändert werden. So ist alles religiöse Interesse bei ihnen geschwunden und nur persönlicher Haß und leidenschaftliche Rachsucht sind die Beweggründe zu ihrem Verfahren. Vielleicht naht auch ihnen bald der Tag der Erlösung, wo ihre Herzen weich werden und ihre Augen sehend; denn wie man hört soll Herr Tiktin einen Ruf nach Krotoschin bekommen haben — utiuam! — Fv, Breslau, 8. Februar. (Privatmitth.) Die zweite Rabbinerstelle hier wird dem Rabb. zu Proßnitz, Herrn Fassel, zu Theil werden. Berlin, 29. Januar. (D. A. Z.) Wie von Neuyork aus Beschwerdeschreiben an die preussischen Freimaurerlogen wegen Nichtzulassung der jüdischen Brüder in ihnen ergangen sind, so hat sich auch in ihnen selbst allmälig eine Partei hervorgehoben, welche geneigt ist, die Emanzipation der Juden in diesem besondern Punkte zu gestatten. Allein die Ansichten an leitender Stelle haben dieser Umgestaltung des Logenverhältnisses durchaus nicht entsprochen, da von dort aus auch die fernere Beibehaltung des christlichen Prinzips in allen Logen des preußischen Staats behauptet worden ist. Königsberg, 4. Februar. (Privatmitth.) Ich freue mich, Ihnen beifolgend eine Erklärung des hiesigen Magistrats übersenden zu können, aus der hervorgeht, daß er sich ebenfalls der Petition an geschlossen. In No. 23 der Königsb. Zeitg. (s. vor. No. d. Zeitg.) befindet sich, als Inserat eine Kritik unseres Verfahrens in Ansehung der dem bevorstehenden Landtage einzureichenden Petition über die Emanzipation