Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 7 (10.2.1845)
- Date
- 1845-02-10
- Page
- Seite 94 (sequence 10)
- Language
- German
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94 welche damals die zahlreichen Konvertkrungen gerade unter denjenigen Männern veranlaßte, an denen wir zwar nicht kräftige Ausdauer rühmen können, denen wir jedoch unbedingt zugestehen müssen, daß sie zu den Trefflichsten und Redlichsten in ihrem Kreise gehörten. So verließen gerade die Vordersten die alte Fahne, und dasselbe, was die Einen zum Uebertritt geführt hatte, brachte diejenigen, welche einen solchen Schritt verschmähten, meist zu einem vollständigen Jndifferentismus gegen alles Jüdische. Dennoch waren zu Vorkämpfern für die folgenden Perioden in den gelichteten Reihen noch Männer genug geblieben, und an diesen geht die weitere Entwickelung fort. (Fortsetzung folgt.) . Korrespondenz. Wanderung durch Krakau, Galizien, Bukowina, Moldau und Wallachei. (Fortsetzung aus No- 51 v. I.) Die spanische Gemeinde existirt in Bukarest erst seit fünf Dezennien. Sie enthalt Eingewanderte aus der nahen europäischen Türkei, besonders aus Konstantinopel und Adrianopel; aus der asiatischen Türkei, besonders aus Smirna, Salonich, zum Theil auch Jerusalem und endlich auch einige Ankömmlinge aus Wien. Sie zählt im Ganzen circa 80 Familien oder 400 Seelen. — Ihre Tracht ist meistens die walachische Nationaltracht; einige betagte Leute, so wie das Synagogenpersonal (Rabanim, Chasanim rc.) ausgenommen, die die echt türkische Tracht zur Schau tragen. Seit wenigen Jahren hat indessen auch die europäische (deutsche) Tracht bei einigen jungen Leuten aus vornehmeren Hausern Eingang gefunden. Die Frauentracht ist türkisch mit einigen Modifikationen, oder mit anderen Worten, die der jüdischen Frauen im ganzen Orient. Merkwürdig ist auch hier jedoch, daß der weibliche Kopfputz der locus majoris resistentiae ist, denn während schon viele der jünger» Spaniolinnen im Schnitte ihrer ganzen Garderobe sich europäifirt haben, so konnte doch sich keine gion der damaligen konvertirten Juden das vaterländische Leben nennen. bis jetzt entschließen, das Feß und das dasselbe umgebende Kopftuch zu entfernen. Auch dieser Frauenkopsputz ist mitunter reich mit Diamanten und Edelsteinen geziert, doch bei weitem nicht so verschwenderisch wie das polnische Sterntüchel. Rings um's Haupt tragen sie gewöhnlich eine Schnur, worauf unzählige Rubie's (eine kleine goldene türkische Münzsorte, circa 16 Silbergr. im Werthe) dicht neben einander aufgereihet sind. — Die Sprache der Spaniolen ist eine spanisch-kastilische Mundart, zum Theil jedoch veraltet, da sie — die Spaniolen — durch die Jahrhunderte ihrer Vertriebenschaft mit dem Mutterlande nicht in Berührung kamen;. zum Theil aber auch wirklich korrupt, wie es bei jedem Idiom zu geschehen pflegt, der nicht durch eine Literatur festgehalten wird, und endlich zum Theil mit vielen hebräischen Worten vermengt, die nunmehr in dieser Mundart so eingebürgert sind, daß sie der gewöhnliche Spaniole durch keinen andern spanischen Ausdruck zu ersetzen weißj (z. B. Ben-Adäm—Mensch, Sechöl---Verstand; Chiduschim -----Neuigkeiten, chas -weschalöm — Gott behüte rc. rc.). Im Allgemeinen mag sich dieser Dialekt zum Echlspankschen verhalten, wie der polnisch-jüdische Jargon zum hochdeutschen, nur mit dem Unterschiede etwa, daß jener kein so buntes Aussehen hat, als der polnisch-jüdische Dialekt, wo man bei einiger Nachforschung neben dem platdeutschen Grundstock noch viele slavische, italienische, französische und andere Eindringlinge bald heraussindet. Viele der gebildeteren Spaniolen sprechen, lesen und schreiben auch das Echtspanische, so wie das ihm am nächsten stehende Italienische. Der spaniolischt Dialekt (wir nennen ihn so, zum Unterschiede vom Echtspanischen) hat zwar, wie gesagt, keine selbstständige Literatur im wahren Sinne des Wortes, doch wird sie in den Gebetbüchern (Tesila) zur Vorrede, zu Anzeigen über Ordnung und Gebrauch der Gebete, so wie zur Erklärung derselben benutzt, ungefähr wie das sogenannte weiber'sche-deutsch in Polen, nur geschieht^ hier fast nur für Frauen, bei jenen — den Spaniolen — hingegen, für Männer und Frauen, weil verhältnißmäßig nur sehr Wenige unter ihnen das Hebräische, selbst in den täglichen Gebeten verstehen. Es giebt jedoch einzelne derrasch'sche Werke, die in fpaniolischem Dialekte geschrieben sind. Dieser Dialekt ist übrigens auch in der Synagoge nicht unbenutzt; denn außer den Mizwothverkauf, Bekanntmachungen u. dgk. werden an gewissen Tagen manche Gebete in dieser Sprache vorgetragen, und zwar so, daß nach jedem