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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1845-02-10 · Heft 7 (10.2.1845) · p. Seite 93

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
9 (1845)
Issue
Heft 7 (10.2.1845)
Date
1845-02-10
Page
Seite 93 (sequence 9)
Language
German
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93 Literarische Nachrichten. Magdeburg, 2. Februar. Die Sprachverhältniffe der heutigen Juden, im Interesse der Gegenwart und mit besonderer Rücksicht auf Volkserziehung besprochen von Dr. Anton Ree. Hamburg, 1844. Das allgemeine Urtheil über das vorliegende Schriftchen kann dahin gestellt werden: daß es einem interessanten Gegenstand sehr interessante Seiten abzugewinnen weiß, ohne ihn in materieller Beziehung auszubeuten. Der Styl der Schrift ist preziös, göthisch, wodurch er aber für die gegenwärtige Lesewelt an Flüssigkeit verliert, sonst sehr korrekt, sehr verständig. Folgen wir dem Verfasser. Der Verf. setzt zuerst auseinander, daß es eine jüdische Mundart giebt, und zwar in den meisten europäischen Sprachen, ja in ihren einzelnen Dialekten, und diese Mundart ist eine und dieselbe in allen diesen Sprachen. Ansichten der Juden selbst über diese Mundart. „Sie hat in diesem Jahrhundert immer mehr an Ausdehnung, wie an innerm Leben abgenommen, aber wenigstens Spuren derselben lassen sich noch heute fast bei jedem Juden Nachweisen." Hieraus folgt, daß sie ein organisches Produkt der ganzen Geschichte der Betheiligten ist. Der Verf. nimmt hierbei Gelegenheit seine Ansichten über die Richtungen in der Neuzeit des Judenthums zu geben, und da sie jedenfalls viel Richtiges enthalten, lassen wir den Verfasser selbst sprechen. „Es sind jetzt wol ungefähr funzig Jahre, als die Revolution, welche nach Mirabeau's Prophezeiung ihre Rundreise um den Erdkreis gemacht hat, auch zu den Juden kam und sie aus ihrem tausendjährigen Schlafe rüttelte. Ihr erster Stoß war gewaltig, die Aufregung, wie schon bemerkt, fast fieberhaft; das neue Leben, welches sie brachte, stand mit dem altjüdischen in einem gar zu schneidenden Gegensatz; nur durch außergewöhnliche Anstrengung konnte es auf dem unkultivicten Boden Wurzel schlagen. Die Männer, welche seine ersten Vertreter und Vorkämpfer waren, fühlten nur zu deutlich die tiefe Kluft, welche auszufüllen war; sie merkten wol, daß es mit einzelnen Verbesserungen nicht gethan sei, und ihr Prinzip wurde demgemäß ein vollständig radikales. Alles, platterdings alles Jüdische mußte, nach ihrer Grundansi'cht, vertilgt und der Vergessenheit preisgegeben werden; sogar der besonder Glaube schien ihnen dabei nicht im Wege zu stehen, da die damalige Zeit der festen Ansicht war, daß die letzte Stunde aller positiven- Religionen geschlagen habe. Sie waren die Jakobiner des Judenthums, haben als solche die Vergangenheit mit grenzenloser Wuth, Verachtung und Verhöhnung angegriffen und gleich von vorn herein einen Posten eingenommen, von welchem aus kein weiteres Vorschreiten mehr möglich war; denn er war in der That der äußerste. Durch ihre Heftigkeit erschreckt, zogen sich alle vom Taumel nicht Mitergriffenen noch weiter in das Bestehende zurück und singen, wie für den Glauben, so auch für die Gewohnheiten ihrer Vorfahren zu schwärmen an; lebten jene nur der Zukunft, so versenkten sich diese desto tiefer in das Gewesene. So war eine schroffe Trennung eingerissen, Israel in die schon genannten extremen Parteien gespalten, welche in fast gleicher Sonderung zwar noch heute fortbestehen, aber nur damals ihre volle Begründung und Berechtigung, ihre historische Bedeutung hatten. Mit der Bildung dieser Gegensätze war indeß auch das erste Stadium der Revolution unter den Juden beendet; nämlich das endliche Ziel, zu welchem man gelangen wollte, war im Fluge erreicht, aber kein Fuß breit Land dahin in wirklichen Besitz genommen worden. Bald mußte sich die Bewegungspartei doppelt in ihren Hoffnungen getäuscht sehen; sie hatte den Gegensatz nämlich scharf genug erkannt, aber vorausgesetzt, daß zu seiner Ueberwindung, zu neuen Leben bloß ihr — Wille erforderlich sei, daß ferner die trage Menge sie verstehen und ihr folgen würde; und in beiden Dingen hatte sie sich getäuscht. Der Jakobiner kann Bahn wachen, nkederreißen, aber den Aufbau muß er anderen Händen überlassen. Das Gefühl der Ungeheuern Aufgabe, welches ihn, als er noch unter den Seinen stand, zu maßloser Energie getrieben hatte, mußte jetzt, da er sich vereinzelt und verlassen sah, entgegengesetzt auf ihn wirken. Manche verzweifelten an dem Gelingen und gingen in Masse zur christlichen Kirche über, wohl bemerkt, nicht etwa, wie dies heute von Einzelnen aus materiellen Unsachen geschieht, sondern es war ein idealer Grund, ein aufrichtig gemeintes Aufgeben des Gedankens, daß die jüdischen Verhältnisse einer gründlichen Verbesserung fähig seien, es war mit einem Wort Ueberzeugung *), *) Keine religiöse, wie wir zur Verhütung aller Mißverständnisse ausdrücklich noch einmal bemerken, sondern eine soziale im edlem Sinn des Wortes. Das Dogma hatte damals überhaupt keinen Einfluß auf die Männer des Tages. Man sagt, daß deren Religion die Freiheit gewesen sei; wenn dem so ist, so muß man als Reli- 7«

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