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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1845-02-10 · Heft 7 (10.2.1845) · p. Seite 92

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
9 (1845)
Issue
Heft 7 (10.2.1845)
Date
1845-02-10
Page
Seite 92 (sequence 8)
Language
German
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92 'wn, der ganz nach der alten Mode mit begann und sogar der alte Spektakel und Unfug des Abklopfens der ftatt fand. Daß der aufgeklärte Rabbiner wie der hiesige, solchen Skandal erlaubt, wunderte mich sehr, man versicherte mich aber, daß er sich gleich im ersten Jahre seiner Amtsführung energisch widersetzt und den Gebrauch untersagt, aber nicht nur nichts damit ausgeführt, sondern sogar dadurch gewissermaßen ein Schisma in der Gemeinde bewirkt habe, das erst nach mehreren Monaten durch Nachgiebigkeit ausgeglichen werden konnte. Es hat ihm fast eben so viel Mühe gekostet es dahin zu bringen, daß nicht Jeder die NNUOii hertrillert, sondern die sagt, und dem ■jm das Nezitiren überläßt. Nun aber ist es damit so weit gekommen daß die meisten dem im Alles überlassen. Ueberhaupt habe ich nirgend so viel Widersprüche in der Liturgie und in den tnas-rt» angetroffen , als hier, wo man Hauptgebete und trüTD ganz oder zum Theil wegläßt, und mit Leib und Seele an kabbalistischen Alfanzereien, wie z. B. die -fm zwischen den m^pn, beim pm und dgl. sesthält. — Da ich mich nun so lange bei der Synagoge aufgehalten habe, dürfen Sie wol von mir erwarten, daß ich Manches erzählen werde von dem Zustande des Unterrichts und der Bildung der jüdischen Jugend in Belgien und besonders in Brüssel, wovon ich mir, wie gesagt, soviel versprochen hatte und bei den vorwaltenden Umständen versprechen durfte, allein zu meiner größten Täuschung waren während der ganzen Zeit meines Aufenthalts in der Hauptstadt Ferien, und weder Schüler noch Lehrer zu finden. Ich mußte mich darauf beschränken, Erkundigungen nach dem Zustande der Schulen einzuziehen, und da ich aus Amsterdam vr. Sommerhausen empfohlen war, so glaubte ich um so mehr mich an Niemand besser addressiren zu können, da ich in Deutschland vernommen hatte, daß er es sei, der als Generaliuspektor angestellt sei, aber mein Unglückstern wollte einmal, daß ich in allen meinen Erwartungen über und in Brüssel getäuscht werden sollte. Dr. S. empfing mich zwar, ungeachtet eine temporäre Bureaustelle fast seine ganze Zeit in Anspruch nahm, mehrere Male sehr freundlich, allein gleich im ersten Augenblick, als ich ihn als Herrn Inspektor begrüßte, sagte er mir, daß er das Amt nie bekleidet habe, indem er zwar vom Konsistorium dazu in gehöriger Form ernannt sei, daß aber der Minister des Innern, dem das.Unterrichtswesen untergeordnet ist, die Ernennung nicht honoriren wolle und den Juden versage, was den Katholiken und Protestanten ohne Schwierigkeit zugestanden werde, aber wohl zu verstehen, nicht weil sie Juden sind, sondern weil außer der brüsseler Schule die Direktion unter Aufsicht der Rabbiner steht, in ganz Belgien keine ordentliche Gemeindeschule für jüdische Kinder bestehe, welche zu der Kategorie gehören sollte, eines von der Regierung angestellten Inspektors zu bedürfen. Als Beispiel führt Dr. S. an, daß in Gent, wo mehr als dreißig bis vierzig jüdische Familien wohnen sollen, nicht mehr als fünf bis sechs Kinder den Religionsunterricht besuchen. Da ich merken konnte, daß, wie frei vr. S. sich auch darüber äußerte, ein inneres schmerzliches Gefühl bei ihm nicht zu verkennen war, so wollte ich nicht weiter auf diesem Punkte beharren, vernahm aber doch von ihm, daß das Konsistorium sich seit seiner Ernennung ohne Unterlaß bemüht habe, ihre Wahl von der Regierung honorirt, und wo nicht für ihn eine billige Entschädigung zu bekommen. vr. S. der in früherer Zeit Hauptvorstand der Gemeinde war, und sich viele Mühe für die damalige Schule gegeben hatte, sagte mir hierauf, daß er sich zwar aus manchen Gründen jetzt nicht besonders um die hiesige Schule bekümmern könne, daß dieselbe sich in sehr gutem Zustande befinde, in den Herren Lebermuth und Steier (Lehrer der ehemaligen Schule) vortreffliche Lehrer habe, und daß die jährliche Konfirmation am ausweise, wie tüchtig und zweckmäßig die Oberaufsicht und Leitung des Religionsunterrichts von Herren Oberrabbiner vr. Löb versorgt wird. Rußland und Polen. Wilner, im Dezember. Nach einem kaiserlichen Dekret ist die Rekrütirung unter den polnischen Juden gemildert worden, indem die Aushebung von Einem auf Zehn aufgehoben, und der 36ste Mann von den Ausgehobenen zu ihren Familien wieder zurückkehren soll.

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