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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1845-02-03 · Heft 6 (3.2.1845) · p. Seite 76

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
9 (1845)
Issue
Heft 6 (3.2.1845)
Date
1845-02-03
Page
Seite 76 (sequence 8)
Language
German
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76 tanzt, geraucht wird, und damit holla. Das ist Glückseligkeit genug. Auch eine Waisenanstalt haben wir, aber diese zeugt eher wider als für uns, auf sie hat das bekannte französische Wortspiel parceque und quoique Anwendung. Quoique Posen giebt es hier eine Waisenanstnlt, und die Direktoren derselben sind zu bewundern, daß sie nicht ermüden bei so weniger Unterstützung. Nein! wenn Sie nun noch nach dem Kultus gar fragen — da hör' ich gleich auf, und stehe Ihnen keine Rede mehr. Alles hat seine Grenzen, und wenn nicht Ihre Fragen, so doch meine Geduld — und darum schrieb ich Dies. f. Oesterreich. Aus Ungarn, I. Januar. (Schluß.) Diese Zustände mußten nothwendigerweise eine Zerrissenheit und eine gewaltige Verschiedenheit in dem Gemeindewesen nach sich ziehen. Anstatt entweder nach der Anzahl der Gemeinde, oder der Bedeutung des Ortes, dem Rabbinenamte seinen ihm gebührenden Rang anzuzeigen, und bei der Wahl des Rabbinen der Mehrheit der Stimmen zu solgen, bietet in Ungarn der naseweiseste Rabbine in irgend einem unbekannten Marktflecken, eingesetzt über ein Dutzend unwissender Landleute, dem kräftigen Willen des hochbegabtesten Rabbinen der Hauptstadt Trotz, und bei der Rabbinenwahl — da ist es die Laune einiger ignoranten Reichen der Stadt, die den vakanten Rabbinenstuhl mit dem Manne besetzt, der ihrer Eitelkeit am besten zu schmeicheln gewußt. Nun rechne man noch solche Gemeinden hinzu, in denen noch, wie Ujhely, Ungvar u. a. m., der böse Geist -es Chassidismus spukt, wo noch mancher Zadik mit seinen schwarzen Künsten, der gröbste Obskurantismus und zugleich die Verfolgendeste Intoleranz ihr arges Spiel treiben, so wird man eher auf den Grund der Geringschätzung kommen, die der ungarische Jude der einen Gemeinde, demjenigen einer andern, erweist. Dann kommen die neueren Gemeinden der Freistädte, worin zwar ein besserer Geist zu herrschen anfängt, aber meistens von ungeschickten Händen geleiteitet wird. Die Wahl ihrer deutschen Seelsorger kann daher schon nicht immer am erwünschesten getroffen werden, weil die Uneinigkeit zwischen den von allen Winkeln des Landes zusammenlaufenden Mitgliedern täglich zunehmen muß. Man kann sich nun eine kleine Vorstellung von dem Quodlibet des jüdischen Gottesdienstes in Ungarn machen. Macht man den Strich chon Gallizien nach der Hauptstadt Ungarns durch, so lqßt der israelitische Kultus kaum glauben, ob man in einem und demselben Lande reist. An der Grenze ist die mindeste Abweichung vom polnischen Gottesdienst nicht anzutreffen; etwas weiter, in Bartfeld und den Nebengemeinden, selbst in der Synagoge sephardischer Ritus; einige Meilen weiter ein Gemisch von sephardischem und aschkenasischem; in Eperies gar — deutsche Predigt; tiefer in's Land hinein der alte Schlendrian, streng bewacht von obstinanten Rabbinen; in Miskolz, neben einer vermeinten Nachäffung des „pesther Kultus" — indem anstatt die Mizwoth laut zu lizitiren, bei deren Ausfteigerung Täfelchen in der Synagoge herumgetragen werden, — das unsinnige Getrill des Vorbeters, woran der größte Theil der Gemeinde noch seine Seelenlust findet; nun in Pesth — eine musterhafte Einrichtung im Gottesdienste, in der äußern geschmackvollen Ausstattung und dem wohlbesetzten Chore sowol, als auch in der getroffenen Wahl der Redner, eine Ordnung und eine Harmonie, die den dortigen Tempel denen der vorzüglichsten Städte Deutschlands zur Seite stellen lassen; Arad und Großkanischa nicht zu gedenken, wo der öffentliche Gottesdienst bereits mit Orgel begleitet wird. Setzt man die Reise auf der Donau, der Kaiserstadt zu, weiter fort, so läßt sich der mächtige Einfluß, den das preßburger Rabbinat mit seiner unerquicklichen Schule, auf seine Nähe um-und um ausgeübt, nicht verläugnen. Diese Unfähigkeit einer Geisteserhebung, diese Abgestumpftheit des Gemüths, welche den niederungarischen Juden auszeichnen, haben sich auch ihrem Gottesdienste mitgetheilt. Das unverständliche und gemüthlose Ablesen der Gebete, gefolgt von geistlosen Vorträgen, stumpfen das Gefühl der dortigen Juden, auch für andre Jntressen, noch mehr ab. Denn groß ist die Macht eines gemüthlichen Gottesdienstes bei den der Frivolität noch nicht ganz anheimgefallenen Menschen, und wenn das Gemüth noch für gottesverherrlichende Vorträge empfänglich ist, so öffnet sich auch dasselbe anderen Jntressen der Menschheit um vieles leichter. Soll aber im heutigen Zeitalter ein Vortrag zu Geist und Herz sprechen, und dort tiefe

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