Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 6 (3.2.1845)
- Date
- 1845-02-03
- Page
- Seite 75 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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75 Köln, J8. Januar. Eine nicht unbedeutende Anzahl der angesehnsten Einwohner unsrer Stadt, und darunter Mitglieder des Adels, des Banquier-, Fabrikanten- und Kaufmannsstandes, der städtischen Magistratur, des Advokaten- und ärztlichen Standes haben sich nach mehrfach gepflogener Berathung dahin vereinigt, an unsere am 9. Februar in Koblenz zusammen tretenden rheinischen Provinziallandstände vier hochwichtige Petitionen zu richten, worunter die vierte die Emanzipation der Juden. Königsberg, 22. Januar. Der Magistrat hat die von den Stadtverordneten vorgeschlagene Petition an den Landtag um völlige bürgerliche Gleichstellung der Juden nicht angenommen, dafür aber eine solche um Gestattung der Ehen zwischen Juden und Christen. Magdeburg, 27. Januar. Die neueste Nummer des Ministerialblattes enthalt folgendes Reskript: 355) Verfügung an die königl. Regierung zu Breslau, betreffend die Naturalisation jüdischer Wittwen mit deren Kinder aus der Provinz Posen, vom 14. November 1844. Im offenen Anschlüsse (a.) erhält die königl. Regierung einen für den dortigen Kaufmann N. bestimmten Bescheid zur Kenntnißnahme und Ausreichung. Breslau, den 14. November 1844. Ministerium des Innern. Erste Abtheilung, v. Patow. a. Der Bescheid, welchen Ihnen die königl. Regierung dortselbst unterm 15. v. M. in Bezug auf Ihre Neffen, die Gebrüder N. N. aus dem Großherzogthum Posen, ertheilt hat, ist, wie Ihnen auf Ihre Beschwerde vom 24. v. M. eröffnet wird, ganz richtig, indem die Naturalisation einer jüdischen Wittw e keinesweges zugleich die ihrer — wenn auch minderjährigen — Kinder in sich schließt, dies vielmehr nach §. 1 des Edikts vom 11. März 1812 nur hinsichtlich der jüdischen Familienvätern ertheilten Naturalisation, vermöge der diesen allein zustehenden väterlichen Gewalt, anzunehmen ist. Ihren Neffen kann daher nur überlassen werden, behufs ihres Verbleibens in den alten Provinzen für sich besonders die Rechte aus vorgedachtem Edikte zu gewinnen, sofern sie überhaupt sich zur Zulassung zu demselben eignen. Berlin, den 14. November 1844. Ministerium des Innern. Erste Abtheilung, v. Patow. Ztn den Kaufmann N. zu Breslau. Posen, 20. Januar. (Privatmitth.) Es wird einst eine Zeit sein, und sie ist nicht mehr fern, wo die galizischen und ungarischen Gemeinden fragen werden: was habet ihr Deutschen für Früchte aus der Bildung gezogen? Unter denen, die gar nichts darauf zu antworten haben werden, sind sicherlich unsere Posen er. Dieses reizende Stillleben, dieses dolce far niente in jeder geistigen Beziehung ist — erschreckend. Vor wenigen Jahren noch konnte man überhaupt die größeren deutschen Gemeinden des Stillstandes, der trägen Ruhe zeihen. Breslau, Berlin, Frankfurt am Main haben dies widerlegt. Sie zeigten, daß in der That das Feuer nur von der Asche bedeckt war — man. blies diesen weg, und die schönen blauen Flammen schlugen auf. Und Posen? Asche wol, aber kein Feuer. Und wer blast hier? — Eines schönen Morgens machte Herr Salomon Pleßner hier vielen Rumor, und da man hier ein wenig hitzig ist, sah man die Polizeidiener in gewaltiger Bewegung. Bald , sollte Herr Pleßner nicht predigen dürfen, bald ja. Jndeß der Sturm war bald vorüber. Herr Pleßner predigt, NB. in einer Nebensynagoge, die Polizeidiener werden nicht mehr requirirt, und Alles — geht seinen Geschäften nach. Hat die Gemeinde eine Schule? Nein. Wer Vermögen hat, und es mit seinen Rangen nicht aushalten kann, sendet sie nach der Fremde, nach Berlin, Dessau ff. Wer kein Vermögen hat, und doch Rangen — seht zu, wie ihr fertig werdet. Hat die Gemeinde eine Religio ns sch ule? Oder sorgt sie für den Religionsunterricht? Die hiesige Gemeinde hält es mit denen, welche sagen: die jüdische Religion wird angeboren, so wenig also dem Menschen Hände und Füße, oder Herz und Magen gemacht zu werden brauchen, so wenig braucht dem Juden seine Religion gelehrt zu werden — wie gesagt, sie ist ihm angeboren. Hat die Gemeinde einen Handwerkerverein, eine Industrieschule, einen Leseklubb oder sonst dergleichen? Nein, einen geselligen Verein, wo gegessen, gespielt, ge-