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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1845-02-03 · Heft 6 (3.2.1845) · p. Seite 70

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
9 (1845)
Issue
Heft 6 (3.2.1845)
Date
1845-02-03
Page
Seite 70 (sequence 2)
Language
German
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70 haben wird. Denn gehen wir auf die Grundgestaltnng des Judenthums ein: so sehen wir gerade in den mosaischen Institutionen eine völlige, organische Verschmelzung der Religion und der Gesellschaft. Religion als das Prinzip des Göttlichen, und Gesellschaft als das Element des menschlichen Lebens durchdringen sich da vollkommen. Wir haben also hier schon, was das Ideal der menschlichen Gesellschaft ist, in seinen Grundzügen verzeichnet. Wenn nun allerdings erstens die mosaischen Institutionen nicht ohne Lokalünd Zeitfärbung bleiben konnten und durften; zweitens damit nicht gesagt ist, daß wir Juden darum einen Staat im Staate, eine Gesellschaft in der Gesellschaft bilden, und vom wirklichen Leben tausendfach isolirt sein müssen: so liegen doch darum nichts desto weniger die Grundzüge dieser Vereinigung des Religiösen und Sozialen in jenen für immer. So gut wie die Grundfragen der MvVttl durch die göttliche Offenbarung auf immer entschieden sind: sind auch die Grundfragen der Gesellscherst auf immer darin entschieden. Indem freilich dieser Satz erst aus dem Verfolge unsrer Artikel als erwiesen hervorgehen wird, ziehen wir doch hier schon einige Schlußfolgen heraus. Das Indenthum wird, und mit Recht, die Lehrmeisterin der Menschheit genannt, da so Vieles von ihm in die Menschheit übergegangen ist und immerfort übergeht: gut, so kann sie noch einmal zu ihm zurückkehren, und sich Raths erholen bei seiner Weisheit und seiner Erfahrung. Wie oft schon hat der Dienende den Gebietenden übersehen und — gerettet. Denn daß die Menschengesellschaft an einem jähen Abhänge steht, wer weiß es nicht; daß in ihr alle möglichen Elemente in Aufregung sind, daß sie endlose Wirren , die weder mit den Künsten der Diplomatie zu lösen, noch mit dem Schwerte zu durchhauen sind, als ihre Zukunft vor sich hat. Nicht eine vorübergehende Unzufriedenheit mit der oder jener Regierung, ja mit dem oder jenem Regime, keine Verfaffungsfrage ist es, auch handelt es sich nicht um- Provinzen, um Allianzen u. dgl. — die Elemente der Gesellschaft selbst sind ganz von selbst in Widerstreit gerathen, die — wie es schien — naturwüchsige Organisation der Gesellschaft mit ihren allgemeinen Gesetzen ist in der Auflösung begriffen. Die Heilmittel, die da weder homöopathische Zuckerpülver, noch allöopathische Palliattvmittel sein dürfen, sondern nur in durchgreifender Umgestaltung, in völliger Verjüngung des Organismus bestehen können: wem sollen wir sie abfrrrgen? Der Religion — Niemandem anders. Denn indem diese das höchste Gesetz der Sittlichkeit aufstellet und festhält: so kann sie die Gesellschaft diesem nicht entziehen, sondern dasselbe nur auf die Gesellschaft in ihrer Totalität auch anwenden. Was nur sonst eine Antwort geben könnte, Vernunft, Geschichte, Wissenschaft — das kann, ja, das wird trügen, weil es von Voraussetzungen auögeht, die ihren Zweck und Inhalt aus sich selbst nehmen, während die Religion nur das höchste Sittengesetz und als dessen Grundlage das Prinzip des Göttlichen selbst zum Lebensmittelpunkt und Maßstabe hat. Da nun aber das Christenthum sich der Einwirkung auf die Gesellschaft als Ganzes begeben hat — und dies zeigt die Geschichte auch, indem innerhalb des Christenthums alle Gebrechen und Sünden der klassischen Staaten bestanden, ohne daß das Christenthum sich dadurch verletzt erklärte")—so ist es wiederum das Judenthum, zu dem die Gesellschaft, um sich Raths zu erholen, ihre Zuflucht nehmen muß. Freilich hat sich die Politik als solche stets geweigert, die Religion in irgend einer Art als Lehrmeisterin oder Rathgeberin anzuerkennen. Praktisch hatte sie darin Recht, denn sie sah in der Kirche nur einen großen Parasit auf den Baum des Staates gepfropft, der zum Verderben des Staates mehr beitrug als der Staat selbst, indem er seine Existenz auf das Verderben des Staates stellte. Theoretisch aber schloß die Politik die Religion in die Grenzen der Metaphysik ab, und verachtete diese nun. Aber wie oft schon im Leben hat man zuletzt seine Zuflucht bei dem genommen, was man verschmähete, und sich dem in die Arme geworfen, was man selbst entfernt und abgewiesen hatte. — Kurz, wir sehen, die Politik, für sich bestehend, leidet Schiffbruch — sehen wir zu, wie sie durch die Religion gerettet werden könnte. *) Wenn der Staat der Israeliten in seiner Wirklichkeit nicht minder Gebrechen hatte, so wurden diese doch stets als Abfall vom Mosatsmns angesehen.

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