Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 5 (27.1.1845)
- Date
- 1845-01-27
- Page
- Seite 62 (sequence 10)
- Language
- German
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62 selben. Freilich ist ein sonst sehr fruchtbarer Stoff — die Emanzipationsfrage — für die Israeliten unseres geliebten Landes als abgethän zu betrachten; wir erfreuen uns bekanntermaßen der gleichen Rechte, wie alle übrigen Unterthanen, gleichviel zu welcher Konfession sie sich bekennen, und der wohlthätige Einfluß unserer humanen Gesetze zeigt sich auch im Leben in vielfacher Beziehung. In Privatverhältnissen sowol als auch bei jeder öffentlichen Veranlassung zollt man dem biedern rechtschaffnen Israeliten gern die gebührende Achtung. Aber es geschah und geschieht bei uns in geräuschloser Stille so Vieles in Beziehung auf die Fortbildung unseres Kultus, und in Betreff unserer Anstalten für die Erziehung unserer Jugend, welches schon längst einer Erwähnung in den Organen des Judenthums würdig gewesen wäre. Fast alle Gemeinden, selbst die kleinsten und unbemitteltsten haben ihre geprüften Lehrer, denen der Gesammtjugendunterricht anvertraut werden kann. Bei den Prüfungen und Inspektionen (welche letztere auch von den christlichen Inspektoren vorgenommen werden) zeigt es sich um widersprechlich, daß die jüdischen Schulen in keiner Hinsicht den christlichem nachstehen. Sehr häufig werden Lehrer mit Belobungsschreiben von unserer wohllöblichen Regierung angenehm überrascht. Letztere hat schon vor bereits mehreren Jahren die israel. Lehrer veranlaßt, an den Konferenzen der Lehrer aller öffentlichen Schulen Theil zu nehmen. Für Israeliten hat dieses einen doppelten, ja vielfachen Nutzen. Denn abgesehen, daß durch die zu liefernden schriftlichen Arbeiten und durch die gemeinschaftlichen Besprechungen über die verschiedenartigen Methoden des Unterrichts jeder Einzelne gleichsam unwillkürlich zur weitern Fortbildung angeregt und ermuntert wird: wird hierdurch zugleich auch eine freundliche Annäherung zwischen christl. und israel. Lehrern bezweckt. Daß dieses wiederum auf die zu erziehende Jugend beider Konfessionen nicht ohne wohlthätige Einwirkung bleibt, ist leicht begreiflich. Und in der Thal schwindet bei uns nach und nach der sogenannte Judenhaß immer mehr, und ein friedliches Nebe.neinanderleben ist der glückliche Erfolg der edlen Bestrebungen unsrer eben so gerechten als humanen Regierung. Auch in der Fortbildung des Kultus — soweit solches gewissenhaft geschehen kann — bleiben Kurhessens Gemeinden nicht zurück. Ordnung und Stille beim Gottesdienst sowül, als auch bei Bestattung der Leichen, angemessene Choralgesänge, Vorträge in deutscher Sprache sind langst eingeführt. Durch die würdige Besetzung des Landrabbinats zu Kassel würde dem Weitern ohne Zweifel großer Vorschub geleistet werden. Allein dieses ist der gordische Knoten, welcher schwer zu lösen ist. Einen Neologen, d. h. einen solchen, welcher ohne Rücksicht auf die historische Entwickelung des Judenthums, ohne Auktoritat, und, wie man zu sagen pflegt, auf eigene Faust reformirt, und dadurch das Kind mit dem Bade verschüttet, will weder unsere, für das Wohl ihrer israelit. Unterthanen sorgende Regierung, noch die Gutgesinnten unserer Gemeinden. Das Großherzogthum Weimar, welches vermittelst der Gensd'armerie solche Reformationen bei seinen Juden cingeführt hat, ist uns zu nahe; die Lebens- und Handlungsweise des Herrn Dr. Heß zu Lengsfeld, jetzt zu Eisenach, ist uns nicht unbekannt. Schon dieses muß uns abschrecken, unsere religiösen Angelegenheiten einem solchen Rabbinate anzuvertrauen. Bei uns würde ein Rabbiner, welcher am Vorabend des Versöhnungsfestes das Theater statt des Gotteshauses besucht, die Kanzel nicht betreten dürfen. Es ist eine offenbare contrndiclio in adjecto wie dieser sogenannte Rabbine feindselig gegen die geheiligten Institutionen des Judenthums verfährt. Kurhessen kann und wird daher von dieser Kategorie keinen Rabbinen berufen. Aus diesem Grunde dürfte bis zur Wiederbesetzung unseres Landrabbinats noch einige Zeit verstreichen. So nachtheilig dieses auch in vieler Beziehung ist, und so allgemein der Wunsch nach einem tüchtigen Landrabbinen bei allen Besseren sich ausspricht, wird man — und das mit Recht — diesen wichtigen Stuhl mit keinem Unwürdigen besetzen. — Karlsruhe, 16. Januar. Man liest in der Karlsruher Zeitung: „Karlsruhe, 13. Januar. Heute früh fand man auf den Stufen des von Sr. königl. Hoheit dem Großherzoge neulich errichteten kunstvollen Standbildes Karl Friedrichs einen mit Immortellen geschmückten Lorbeerkranz, welcher auf himmelblauer Tafel die Inschrift trägt: „Als Zeichen dankbarer Erinnerung an den 13. Januar 1809." Sicherem Vernehmen nach wollte auf diese zartflnnige Weise ein Jsraelite die Gefühle des heißen