Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 5 (27.1.1845)
- Date
- 1845-01-27
- Page
- Seite 59 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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59 ungemein anwächst, wie die hiesige. Von Ost und West, von Süd und Nord zieht Alles nach —Berlin. Wenn es so fortgeht, werden die Provinzen bald ohne jüdische Bevölkerung sein, und Berlin neue Stadttheile brauchen. Und dabei ist es gerade die bemittelte Klasse, welche transmigrirt, so daß die Provinzialgemeinden dadurch sehr viel verlieren. Posen, Lissa, Fraustadt ff., das ganze Großherzogthum, Ost- und Westpreußen, Glogau in Schlesien, Magdeburg in Sachsen, Pommern liefern regelmäßig ihr Kontingent zu Ostern und Michaelis. Kurz, unsere Gemeinde wird so groß wie der Leviathan. Was aber weniger angenehm ist, das ist der steigende Luxus unter den berliner Israeliten. Von Vielen wird dies zu einer schwindeligen Höhe getrieben, von der natürlich jährlich nicht Wenige herabstürzen. Was nur Eleganz, was nur äußerer Glanz, was hoffärthige Pracht fordern kann, wird herbeigeschafft, was der gute Ton verlangt, dem wird Genüge gethan. Namentlich sind es die Frauen, die hierin über alles Maaß hinausgehen, und ihre Männer ruiniren. Denn wer eine Rolle in der obskuren Provinzialftadt spielte, will diese gern in gleichem Maaße in der Residenz spielen, wozu natürlich ein ungleich Mehres gehört. Aus dem häuslichen Schwindel geht auch der Geschäftsschwindel hervor, und da liegt denn ein neues Misere. Daß hierbei die religiösen Verhältnisse nicht sehr gedeihen, kann man sich leicht denken. Mit dem Einzug in Berlin zieht gewöhnlich der Rest jüdischer Religiosität, der zu Hause noch vorhanden war, hinaus; es verschwimmt Alles in Eitelkeit, und geht in den Dunst der frivolen Sitten auf. Da helfen denn dogmatische Expektorationen, wie wir sie jetzt hier hören — gar Nichts. Der berliner Judenschast thut ein durch und durch aufwiegelnder Volksredner Noth, ein Pater Matthiew, um die erschlafften Sehnen wieder anzuspannen. Ich will damit den Werth der Sachs'schen Reden und Stern'- schen Vorträge nicht vermindern. Nur das können sie nicht leisten, was vor Allem hier nothwendig ist, einen Damm der Verschwendung und Ueppigkeit und ein nachhaltiges religiöses Feuer zu schaffen! — Aber auch in sozialer und politischer Beziehung thuet dieser Zustand großen Schaden! Man hat hier begonnen die Gemeinde als Korpus zu achten. Die Zahl der Glieder und der Reichthum, den man ihnen zutraut, stößen Respekt ein. Aber die Juden als Individuen sind in sozialer und politischer Beziehung nur zurückgekoyrmen. Es ist eine furchtbare Abneigung, die wider sie herrscht, und die allerdings größtentheils aus dem abnormen Aufwande, den die Juden treiben, hervorgeht. Sie ziehen zu viel die Augen aus sich, sie treiben den äußern Glanz zu weit, sie erwecken dadurch Neid, Widerwillen, Mißachtung. Denn im Gegentheil ist die Zahl derer, welche ein wahres Verdienst haben, in Berlin gerade sehr klein, als daß der Glanz ihres Namens die Juden im Allgemeinen decke. Ihr in der Provinz draußen, werdet das wol empfinden. Denn die da die legislatorische Gewalt haben, stehen dem Leviathan zu nahe. Berlin müßte eine Gemeinde von 4—500 Seelen haben, und — die preußischen Juden wären längst emanzipirt. Deutschland. Bruchsal, 12. Januar. (Privatmitth.) Auszug aus „der Uebersicht der Strafrechtspflege im Großherzogthum Baden während des Jahres 1842 vorgelegt Sr. Königl. Hoheit dem Großherzog von Höchst Ihrem Justizministerium Karlsruhe 1844." Seite II. Nimmt man die Religion zum Vergleichungspunkte, so gehören von der ganzen Bevölkerung: 415,999 oder 31,70 von 100 der evangel. Konfession 873,849 „ 66,58 „ „ „ kathol. „ 22,609 „ 1,72 „ „ dem mosaischen Glauben an. Es waren jedoch von den Angeschuldigten 690 öder 31,36 von 100 evangelisch 1439 „ 65,41 „ „ katholisch 71 „ 3,23 „ „ mosaisch, jedoch von den Verurtheilten 371 oder33,00 von 100 evangelisch 743 „ 66,10 „ „ katholisch 10 „ 0,90 „ „ mosaisch. Unter 100 angeschuldigten Evangelischen sind 53,77 verurtheilt und 46,23 freigesprochen worden. Unter 100 angeschuldigten Katholischen sind 51,63 verurtheilt und 48,37 freigesprochen worden. Unter 100 angeschuldigten Israeliten sind 14,08 verurtheilt und 85,92 freigesprochen worden. Seite IX. Unter 304 männlichen Sträflingen, welche vom April 1842—43 in die Strafanstalten eingelie-