Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1845-01-27 · Heft 5 (27.1.1845) · p. Seite 57

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
9 (1845)
Issue
Heft 5 (27.1.1845)
Date
1845-01-27
Page
Seite 57 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3225389-3225395--06633-3236474
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

57 Einwohnern nicht Zurückbleiben sehen. Es ist einmal eine Eigenthümlichkeit des jüdischen Volkes, daß, sobald es sich die Nationalsprache anzueignen beginnt, es am allerersten die heilige Schrift und die hebräischen Gebetbücher in dieselbe übertragt; so geschah es in Deutschland, so in Frankreich, Holland, England u. s. w. Es ist gleichsam der Durchbruchspunkt des isolirten jüdischen Lebens in das des Volkes. Schon diese Translationen, wiewol sie nur immerhin als bloße Versuche anzusehen sind und nur auf einen engen Kreis beschränkt sein müssen, beurkunden schon einen lebhaften Wunsch selbst in der Deutung der heiligen Worte einer reinern, ungemischten Sprache sich zu bedienen; sie zeigen auch auf eine Gewecktheit des Gemüths, auf ein eingetretenes Bedürsniß eines harmonischen Ausdruckes hin, und tragen überall nicht wenig zu der ersten Geistesbelebung bei der jüdischen Gesammtmaffe bei. Den schlagendsten Beweis liefert Polen und Rußland, wo weder der Pentateuch noch die hebräischen Gebete von einem Juden je übersetzt wurden, und wir auch die letzteren in der Landessprache ganz vermissen. — Bloch, noch damals der Konfession nach der israelitischen Gemeinde, aber bis jetzt noch immerhin dem jüdischen Stamme angehörend, gab den Pentateuch in ungarischer Uebersetzung und Interpretation heraus und fand allgemeinen Beifall; der größte Theil wurde von den Juden vergriffen, welche ihn anstatt des frühern Mendelsohnischen deutschen, bald in die Synagoge Mitnahmen und dadurch gleichsam von der religiösen Seite sanktionirt wurde;'eine Menge fand auch bei christlichen Gelehrten Abnahme, ein Umstand, der ihn auch bewog seine Uebersetzung auf die ganze Schrift auszuvehnen. Rosenthal übersetzte wieder die Gebete unter dem Titel „^srrsol Könyörgösi egesz evre" welche schon eine zweite Auflage erlebt haben; von demselben erschienen auch die „Sprüche der Väter besonders in ungarischer Uebersetzung und Kommentar. Aber demungeachtet blieben auch die Juden in der allgemeinen Literatur nicht weit zurück. Blochs philologische Arbeiten, seine gründliche ungar. Sprachlehre und sein ausführliches deutsch-ungar. und ungar.-deutsches Wörterbuch, wurden bald unentbehrliche Handbücher für Schule und Haus. M. Bauer gab ein ungar.-hebräisches Wörterbuch, unter dem Titel: „Magyarhebr. Szotär," heraus. — Herrmann Klein, der Herausgeber des, auch Bei: den Ungarn allgemein beliebt gewordenen Blattes „der Ungar" ein fleißiger Uebersetzer der Auswahl in der ungar. belletristischen Literatur, hat sich ein besonderes Verdienst dadurch geschaffen, die musterhaften Schriften des freisinnigen Eötvös meisterhaft in's Deutsche übersetzt zu haben; mancher trefflichen Flugschriften abgerechnet, die hie und da von Juden erschienen. Auch in den politischen Blättern fängt man an Stimmen der Juden zu vernehmen, während man solche so lange während der Reichssitzung — ausgenommen einige polemische Aufsätze von Löw — zum Aerger vieler Christen, die die angegriffene Klasse gern sich selbst vertheidigen vernehmen möchten, vermißte. Die bewundernswürdigen judenfreundlichen Gesinnungen des Pefti hirlap, öffnen gern ihre Spalten jeder Judenvertheidigung der Israeliten, wenn auch diese schon zu öfteren Malen angriffsweise gegen renomirte Personen auftraten. — Hieraus ist augenscheinlich zu ersehen, wie nur der im I. 1840 vorgebrachte Gesetzesvorschlag der allgemeinen Gleichheit aller Bekenntnisse im Lande, nn Folge desselben auch den Juden mehrer wichtige Freiheiten gewährt wurden, einzig und allein diese geistige Regsamkeit in. der fast für höhere Bestrebungen abgestorbenen ungar. Judenmasse gebracht, und beweist um so mehr, was eine freie Gesetzverfassung vermag, und welche Macht schon der bloße Ausspruch der Menschenliebe auszuüben im Stande ist! — Hat auch dieser innere Drang in vielen Judengemeinden sich auch in nicht nationalen Institutionen geäußert, wohin überhaupt die Tempeleinrichtungen, immer im deutschen Style geordnet und viele jüdische Schulen jenseits der Donau gehören, so ist auch mit der Zeit allenfalls zu hoffen, daß auch hier mit dem täglichen Ueberhandneymen des „Vaterländischen" alles Fremdartige nach und nach schwinden wird. — Wenn solche zeitgemäße Erscheinungen im sozialen Leben der Juden Ungarns das Herz eines jeden Gutgesinnten nur zu erfreuen vermögen, so muß man sich in den meisten Gemeinden vergebens nach einer Erheblichkeit im Gebiete des Gottesdienstes Umsehen. Nicht allein, daß dieser mit seinen Hauptverrichtungen so sehr im Argen liegt, daß eine durchgängige Verbesserung eben so wie in Polen unabweisbar Noth thut, sondern die Nebenformen, die daran kleben und nunmehr den Sohn des Jahrhun-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.