Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 4 (20.1.1845)
- Date
- 1845-01-20
- Page
- Seite 49 (sequence 9)
- Language
- German
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49 und unvorbereitet, wie jener Gesetzvorschlag für die Juden kam, ermannten sich erst diese, sobald alles vorüber und zur Realisirung solcher, der Welt fast für chimärisch vorgekommenen Erwartungen, bereits nichts mehr beizutragen möglich war. Indessen kann man nicht sagen, daß in dem Zwischenräume zwischen dem vorigen und letzten Landtag die Zeit von Seiten der Juden ganz müßig verbracht sei. Wenn auch mehr geschehen konnte, als es geschah, so ist doch Vieles gethan worden, wodurch den Gegnern der Emanzipation deutlich bewiesen war, daß der Jude überall nicht blos dem Schacherleben anheimzufallen bestimmt ist. Es war das erste Mal, daß der Jude sich eigentlich in Ungarn zu fühlen begann, wo er, aus dem engen Zirkel der Häuslichkeit austretend, seine Brust erweitert fühlte auf dem ausgedehnten Boden seines Geburtslandes, ahnungsvoll ging vor ihm die Zukunft auf, — er bekam eine Heimath; von einem Vaterlande träumte ihn damals noch nicht. Denn wir lassen nur der Wahrheit ihre Gerechtigkeit widerfahren, wenn wir behaupten, daß der ungarische Jude im Allgemeinen allzumateriell ist um sich auch in geistigen Regionen von der körperlichen Hülle loswinden zu können und daher viel schwerfälliger sich auch in der Sphäre der moralischen Welt bewegt als der polnische Jude. Aber wenn wir unser Augenmerk sowol auf die häusliche Einrichtung als auch auf die Jugenderziehung des ungarischen Juden richten, und diese mit denen des polnischen Juden vergleichen, wie beim Erstem Reinlichkeit und Ordnung vorherrschen, nach einer gewissen Norm gelebt wird, das junge Geschlecht nicht mit verderblichen Vorurtheilen genährt und überhaupt nicht so in das eigne Verderben gerannt wird als beim Letzteren, dessen Lebensregel darin bestehen in der Gegenwart die Vergangenheit bitter zu bereuen und gleichsam mit der gegenwärtigen Stunde stets hadernd, dennoch die Zukunft ganz außer Acht zu lassen; wenn wir die Fortschritte betrachten, die seit der Zeit wo der Jude in Ungarn von den Gesetzgebern als Bruder benannt wurde, in den Judengemeinden gemacht, ja, daß man nun warme Patrioten unter Juden finden kann, so müssen wir nur jenes gierige Haschen nach Gewinn einem langen verknechteten Zustande zuschreiben, das im Falle einer völligen Gleichstellung vor edlern Zwecken unfehlbar weichen würde. Wie hervorgezaubert entstanden Schulen, wo die ungarische Sprache eifrig gelehrt wird; in gesellschaftlichen und selbst häuslichen Zirkeln machte die jüdisch-deutsche Sprache der wohltönenden ungarischen Platz; dort wo man über das Vaterland das ganze liebe Jahr hindurch nicht dachte, schlichen sich nach und. nach ungarische Zeitungsblätter ein, man sing an bald für diese Einrichtung, bald für jene Verbesserung Jntresse zu haben; Lesevereine entstanden in allen Winkeln des Landes, worin ein feinerer Ton der Gesellschaft angenommen werden mußte — und der Jude sah sich auf einmal mit in den Strom der Zeit gerissen. Freilich fanden sich auch mitunter solche, die entweder aus Unkenntniß das ganze neuauftauchende Leben gar ignorirten, oder die diesen Eifer für alles Vaterländische bespöttelten, aber diese bildeten im Vergleich mit jenen, denen es als eine Lebensaufgabe gilt, „sich auf dem nationalen Wege" zu halten," noch die kleinere Zahl. Dagegen liebt der Ungar nicht immer die Schattenseiten hervorzuheben, und bestrebt sich nicht in schlußgerechter Logik seine Behauptungen bei Verhandlungen durchzuführen, welche irgend ein Menschenwohl zum Gegenstände haben; ihm genügt eines eklatanten Beispiels nur und er hält sich für genug überzeugt, um der innern Schwachheit trotzen zu können. Mehr bedurfte es' auch nicht, um die Gemüther zur günstigen Abstimmung bei der nächsten Reichssitzung vorzubereiten. Aber nur selten giebt die wohlmeinende Partei den Ausschlag. — (Fortsetzung folgt.) Czernowitz (Bukkowina), 1. Januar. (Privatmitth.) Ungeachtet eines strengen Befehls vom hohen Gubernium, daß der Rebbe Srulze die Bukkowina verlassen, und den Aufenlhalt in jedem beliebigen Orte Galiziens nehmen soll, weiß derselbe durch Krankheitsatteste dem Befehle auszuweichen. — Armes Galizien! bald wirst du von einem Manne heimgesucht, der deinen gewerbsthätigsten Juden die Früchte ihres Fleißes zu entziehen versteht. Nach Vernehmen soll ihm ein reicher, vornehmer Gutsbesitzer im tarnopoler Kreise angeboren haben, sich unter seinen Schutz zu Kellen, was der Rebbe nicht ablehnen wirb. Die Freunde der Israeliten zu Tarnopol werden hoffentlich seinem Unwesen ein Ende machen. A. 4