Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 2 (6.1.1845)
- Date
- 1845-01-06
- Page
- Seite 21 (sequence 9)
- Language
- German
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21 wert, der ihr Nachfolger zu sein bestimmt ist. Jndeß wechseln in unsrer Zeit die Rollen sehr geschwind, es kommt und geht wie mit dem Dampswagen, und ,hoffen wir, daß das Echte und Rechte eine bleibende Dauer innerhalb all' des Spieles besitze. Mitten in diesem konfessionellen Treiben hat das Judenthum in Preußen eine eigenthümliche Gestalt, nämlich gar keine. Weder in politischer, noch in religiöser Beziehung. Es ist nicht gedrückt und nicht frei, nicht gefördert und nicht gehemmt, nicht emanzipirt und nicht unemanzipirt. Ebenso ist es in religiöser Beziehung nicht geordnet und nicht ungeordnet (indem es ganz sich selbst überlassen ist,) eS kann jetzt reformiren und orthodoxiren, wie es will; Wriezen kann jetzt verwerfen was Berlin annimmt, und Belitz als echtjüdisch behaupten, was Posen erkommunizirt. Der alte Talmudist, der moderne Doktor und der Dorfschächter sind drei gleichftehende Autoritäten; das beweist z. B. daß man den Weilern von fünf Familien dieselben achtzehn Fragen zur Beantwortung vorlegte, wie den Gemeinden von fünftausend Seelen. Unser Leben (ich meine nicht als Preußen, sondern als Juden) ist ein sehr kleinliches. Um was dreht es sich? Auf der einen Seite um den Aufstand zu Gesecke, auf der andern, daß unser König Zeinen jüdischen Unteroffizier zu einem Kassenschreiber machen will. Das sind die Angelpunkte unsres jüdischen Lebens. Im Allgemeinen aber ist es eben das Charakteristische: daß wir noch immer das Organisationsgesetz erwarten. Ich kann daher meinen Brief mit der gewöhnlichen Formel schließen: in dieser Erwartung ersterbe ich Ihr rc. Jndeß will ich Ihnen als Postskriptum doch die wichtige Bemerkung zurufen: das verflossene Jahr hat uns wirklich in Nichts weiter gebracht, und damit ist ein Bericht wenigstens nicht ohne genau bestimmtes Resultat beendet. Königsberg, 10. Dezember. (Brem. Zeit.) Dr. Falksohn ist der Name des jüdischen Arztes, der sich mit einer christlichen Dame,'der Tochter eines geachteten Schiffsmaklers, verlobt hat und der fest entschlossen ist, bis in die höchste Instanz seine Absicht einer gemischten Ehe zu verfolgen. Es ist nun keinem Zweifel unterworfen, daß weder die hiesigen Behörden, noch das geistliche Ministerium in Berlin irgendwie die Machtvollkommenheit besitzen, eine solche Ehe zu legalisiren. Auch möchte sich hierorts weder ein Rabbiner noch ein Prediger finden, der eine Trauung zwischen einem Juden und einer Christin bewerkstelligte. Oesterreich. .Wien, 1. Dezember. Am 23. November um acht Uhr Abends starb hier Herr Herrmann Todesco, k.k. priv. Großhändler, Direktor der Wien -Gloggnitzer- Eisenbahn -Gesellschaft, Vertreter der israelitischen Gemeinde, Besitzer der Herrschaft Legnaro und der k. k. priv. marienthaler Spinnfabrik, in einem Alter von 53 Jahren. Vom Glücke begünstigt, schwang er sich nach und nach durch unermüdete Lhätigkeit und rastlose Anstrengung zu einer der hervorragendsten Zelebritäten, ja sogar zum Matadoren im kommerziellen Gebiete empor, und gelangte zu einer sehr hohen Stufe des Reichthums, die er auf dem Wege der strengsten Rechtlichkeit und des edelsten Charakters erklimmte.— Abgesehen von dem strengen Gebote „äo mortuis uil nisi bene" kann ich es nicht unterlassen, die löblichsten und eklatantesten Verdienste dieses in der Kraft seines Lebens nach dem unergründlichen Rathschlusse Gottes mit frommer und gläubiger Ergebung verblichenen Biedermannes, in diesen weitverbreiteten und vielgelesenen Blättern zu manifestiren, und einen Kranz der Erinnerung auf den frischen Grabeshügel eines Mannes zu legen, durch dessen schmerzlichen Hintritt, nicht nur seine theuern Angehörigen; als: Mutter, Gattin, Söhne, Töchter und Enkel, sondern auch seine ehrwürdige Gemeinde, deren Vorsteher er mit dem glühendsten Eifer war, und insbesondere die leidende Menschheit einen herben Verlust erlitten haben. — Die. Trauerkunde von dem Ableben dieses hochgeachteten und verehrten Mannes durchflog mit Blitzesschnelle unsere Kaiserstadt und ihre Umgebung, und erregte eine allgemeine Theilnahme, die sich auf die rührendste Weise in allen Ständen aussprach. Sein Name wird stets fortleben und blühen in dem Gedächtnisse Aller, die seine Religiosität und Humanität, seine unbegrenzte Güte und Barmherzigkeit 2»