Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 7 (1843)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1843)
- Date
- 1843-12-18
- Page
- Seite 757 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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757 sens abbrechen, da es außer dem Komischen und Widrigen, das das ganze Schadchenwesen Lheilt, noch obendrein eine nicht geringe Portion von Verleumdung, Bösartigkeit und Niederträchtigkeit aufzuweisen hat; nur so viel müssen wir schließlich bemerken, daß durch das leidige Schadchenwesen in Galizien, zwar jener Landesplage' von alten Jungfern und alt-sein-wollenden Hagestolzen gesteuert wird, dafür aber mehr als in jedem andern Lande die leidigsten Mißallianzen vermehrt, das unheilvolle frühe Verheirathen befördert, die Ehescheidungen verhundertfacht, und nur Kummer und Qual der aufkeimenden Jugend bereitet werden. Möge doch dieser trostlose Menschenverkauf, so bald als möglich, auch dort in Galizien zu den längst-zu Grabe^ getragenen historischen Eigenthümlichkeiten unserer freudenlosen mittelalterlichen Jahrhunderte gehören. . Lemberg hat mehrere Synagogen, die groß und. anständig gebauet sind. Der Gottesdienst ist dem in Polen gebräuchlichen Ritus gemäß. Die dabei herrschende Ordnung oder vielmehr Unordnung wie überall.- Die Chassidim haben hier ihre eignen Betstuben (Chassidimstüblech) wo es höchst bunt und kauderwelsch zugehet. Mit einem Worte für Schule und Gotteshaus besonders , hat die große Gemeinde Lemberg's (von eirea. 16000 Seelen), die ja eigentlich zum Musterbilde aller Gemeinden Galiziens dastehen sollte, wie es ihre Stellung mit sich bringt, bis jetzt — nichts gethan*).— Lembergwar, als ich es sah, ohne Rabbiner (Kreisrabbiner); denn die Stelle des unlängst verstorbenen Rabbiners war noch nicht besetzt. Es gab in der Gemeinde hinsichtlich der Rabbinerwahl viele. Parteien; möge jedoch das unparteiische Gute und Wahre zum Heile der Gemeinde so wie ganz Galiziens siegen und auch d a bald die Finsterniß dem Lichte weichen! —! — Von Lemberg verfolgte ich meine Reiseroute über Brody, um diese berühmte galizische freie Handelsstadt/ diese Urquelle der Intelligenz und Bildung unter den Juden Galiziens näher kennkn zu lernen. — Auf dem Wege zwischen Lemberg und Brody fand ich außer vie¬ *) Vielleicht werden die eben neuerwählten Gemeindevorsteher die allerdings zu dem intelligentesten und wohlgesinntesten Gliedern der Gemeinde gehören-, etwas Erfreuliches schaffen.' len alleinstehenden Landswkrthshausern, die meistens von Juden bewohnt waren, nur.zwei Städtchen mit kleinen jüdischen Gemeinden. Das erstere größere ist Zlötschowder Hauptort des gleichnamigen Kreises, wohin auch Brody gehört; das zweite, kleinere ist Saskof, ein gewöhnliches galizisches Städtchen, nur ist es als Wallfahrtsort der Chassidim und Weiber zu den Gräbern von zwei Zcidikim (Rebi's), die sich dort auf den jüdischen ' Gottesacker befinden, besonders bekannt. Jedes dieser beiden Gräber umschließt eine Art Kapelle, die innerlich mit Nischen versehen ist, wo Tag und Nacht (besonders im Monate Elul) brennende Lichter unterhalten werden. Am Sterbetage jedes dieser beiden Heiligen wird eine wahre Illumination auf ihren Gräbern veranstaltet. Die Gräber sind immer mit kleinen hebräischen Zettelchen bedeckt, die eine-Art Bittschrift (an den Zadik?) enthalten *), Tausende von Männern und Frauen belagern, besonders im gefürchteten Elul-Monat diese heiligen Gräber, von welchen allein sie Heil. und Seegen für's kommende Jahr erwarten..— Was übersolche Gebrauche oder vielmehr Mißbräuch? zu sagen wäreüberhaupt in wie fern der heidnische, jedenfalls aber nicht-jüdische Ursprung an ihnen unverkennbar ist, wollen wir dem Urtheil des aufmerksamen Lesers selbst überlassen. — Endlich langte ich in Brody an. — Brody liegt in einer fand - undmorastrekchen Ebne, die nur an einzelnen Punkten 'von einer üppigen Vegetation unterbrochen ist. Die Umgebungen Brody's stellen sich daher nichts weniger als reizend dar. Die Stadt selbst ist alterthümlich, die Häuser meistens in antikem Style gebauet, Thürme und sonstige imposante öffentliche Gebäude wie im nahen Lemberg, giebt's da nicht, daher, .was den unbeweglichen Theil betrifft im ersten Moment, der'Kontrast zwischen Lemberg und Brody und zwar zum Nachtheil des Letztem, ziemlich frappant ist; anders verhält es sich aber mit dem beweglichen und beseelten Theile, ich meine mit der Einwohnerschaft. —> Schon der Anblick von 20,000 — 22,000 in jener ekgenthümlichen polnisch-jüdischen Tracht gekleideten Individuen, die das Ganze einer so großen und europäisch wichtigen Stadt ausmachen, in deren Mitte die, ohnge- *) So z. B. eine Frau, die keine Kinder hat, schreibt „tPia 'b i-nrt"? eine andere, die der Mann mißhandelt, bittet: aii-i rwnfcä üibta ftiöi* vibw rc.