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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1843-12-18 · Heft 51 (18.12.1843) · p. Seite 758

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
7 (1843)
Issue
Heft 51 (18.12.1843)
Date
1843-12-18
Page
Seite 758 (sequence 14)
Language
German
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759 sähe 4000 Christen (wovon noch dazu die meisten m den Vorstädten wohnen) als nichts verschwinden, ist ganz eigenthümlich und veranlaßt zu interessanten Betrachtungen. Man hat in Brody, so zu sagen, ein ziemlich gelungenes Modell eines jüdischen wohlorganisirten Handelsstaates. Zu den. Zeiten der Kontinentalsperre war Brody das, was jetzt Hamburg ist; es war der Verbindungspunkt zwischen dem Westen und dem Osten Europa's, ja selbst den unermeßlichen Strecken des russischen Nord - und Westasiens. Handelskonsuln von allen Nationen residirten. daselbst, die große Stadt glich einem unermeßlichen Magazin. Brody erwarb sich damals großen Reichthum. Dieser führte aber einen ebenso überschwänglichen , früher nie gekannten Luxus herbei. Jene Glanzperiode dauerte indessen nicht lange. Die neue politische Gestaltung Europa's nach dem Wiener Frieden, die Entwickelung der Schiffahrt auf Kosten des' Landhandels,.das rasche Heranblühen Odessa's und Rußlands kommerzielles Prohibitivsystem beraubten Brody immer mehr seiner ergiebigsten Hilfsquellen, diese versiegten allmäljg mehr und, — traurig genug! — in dem Maße nahm der Luxus daselbst immer mehr zu. So ist die menschliche Natur. Einmal an Bedürfnisse gewöhnt, kann sie sich derselben so leicht nicht wieder entschlagen, vielmehr rufen angenommene Bedürfnisse mit der Zeit immer neue hervor, obschon die Mittel und Umstande, die die ersten hervorciefen, längst nicht mehr vorhanden sind. — Bei alldem bietet der Ringplatz Brody's noch immer das Bild einer belebten Handelsstadt dar. — Beim Durchschreiten dieses Ringplatzes, erinnerte ich mich lebhaft des Kasimirs in Krakau. In beiden dasselbe Umherrennen, dieselbe Thätkgkeit, dieselbe schwkndlichte Massenbeweglichkeit, und in beiden sind's dieselben Stammgencssey, die da die Hauptrolle spielen. Doch welcher Vergleich! dort (kn Krakau) ist es eine, in einem engen Schmutzwknkel gefühllos zusammengepferchte Masse von unglücklichen, menschlichen Wesen, deren ärmliches und barockes Aussehen, deren von tiefem Kummer und noch tiefer lastenden Sorgen.entstellten Gesichter, deren nothgedrungene doch unerträgliche Zudringlichkeit, deren Unwissenheit, die sich in Benehmen und Manieren deutlich verrath, einen höchst unbehaglichen, schmerzhaften Eindruck auf den nicht ganz gefühllosen Zuschauer hervorbringen muß, — einen Eindruck, der aus einem tiefen Mitleiden für die Unterdrückten, und einer noch liefern Erbitterung über die Unterdrücker zusammengesetzt ist; — hier (in Brody) aber ist es ein breiter. freier Rkngplatz einer bedeutenden Handelsstadt, der fast von lauter wohlhabenden, wohlaussehenden, in ihrer Weife nett gekleideten, meistens gebildeten, jüdischen Familien bewohnt und erfüllt wird, wo sich Jeder frei bewegt und ein äußerer Druck — wenigstens für den momentanen Beobachter — kaum sichtbar ist: — Ändern ich so auf dem Ringplatze herumwanderte und mich in einigen Betrachtungen in diese neue, interessante Erscheinung vertiefte, bemerkte ich nicht, daß die Sonne sich bereits am westlichen Horizonte neigte, und einen nahe bevorstehenden mondhellem Sommerabend verkündete. Nur das Kettengerassel der Thüren, Schlösser und Riegel der unzähligen Magazine jenes Bazars, die eben jetzt geschlossen wurden, weckten mich aus meinen Meditationen und riefen mich in die Wirklichkeit zurück. Ich sah mich um, und der noch eben menschenerfüllte, geräuschvolle Ringplatz war, still und leer und — es war Abend. — In diesem peinlichen Augenblick der Verlassenheit, an einem so -schönen Sommerabend als Fremder mitten in einer so volkreichen Stadt, dabei vom Verlangen gequält, ihre interessanten Bewohner in jeder Situation kennen zu lernen, sah ich plötzlich einen Mann in moderner polnisch--jüdischer Tracht auf mich zuschreiten. Er »ahete sich mir, begrüßte mich freundlich, erkundigte sich nach meinem Wohl- und Hiersein, und ich Meinerseits überzeugte mich bald, daß ich einen jener ausgezeichneten und vorürtheilsfreien Polen vor mir ■ sehe, den ich vor nicht lange auf der Messe kn Leipzig kennen zu lernen Gelegenheit hatte. — „Da Sie hier einmal sind," sagte er zu mir, nach einigen summarischen Mittheilungm über Wesen und Zweck meiner Reife u. s. w., „so müssen Sie uns etwas genauer kennen lernen. Ich meinerseits erbiete mich, Jhneü als Begleiter und Führer, unsere wichtigsten gesellschaftlichen Verhältnisse in ihrer klarsten Anschauung vorzuführen-, und zwar sowol von ihren guten als schlechten Seiten; selbst auf die Gefahr hin, daß Sie sie einst öffentlich zur Schau stellen sollten. Ja, aufrichtig gesagt, fügte ec hinzu, die Brandmarkung des Bornirten und Lächerlichen in und um uns, soll mich selbst freuen." Ich stattete ihm für sein gefälliges Anerbieten den besten Dank ab, und fügte nur den Wunsch hinzu, wo möglich noch diesen Abend unsere Wanderung anzufangen. „Wie erwünscht, sagte er,-nun mehr keine Zeit verloren und — in den Stadtgarten." — (Fortsetzung folgt.)

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