Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 7 (1843)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1843)
- Date
- 1843-11-27
- Page
- Seite 718 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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.719 Korrespondenz. Wanderung durch .Krakau, Galizien, Bukowina, Moldau und Wallachei. (Fortsetzung.) . Noch eine eigne Menschenklasse giebt's in Galizien, die wir hier — bei Betrachtung der' Hauptstadt — besprechen müssen; es sind die Schadchunim (Heirathsmäkler). Das Schadchanwesen ist ein höchst merkwürdiges Berufsgeschäft in Polen. Es bildet da eine eben so bestimmte Kategorie von beschäftigten Individuen (beiderlei Geschlechts, doch wir reden hier vorzüglich vom Männlichen Schadchan) als alle andern Geschäftstätigkeiten. Auf die Frage wer seid ihr? kann man dort ebenso naiv die Antwort vernehmen ich bin a Schadchan als anderswo, ich bin ein Schuster oder Schneider. — Es ist zwar wahr, daß das Schadchunes- Wefen sehr oft von Dilettanten profankrt wird; (so hat z.B. Einer eine fixe Anstellung in einem Komptokr u. dgl. und führt so nebenbei a Schkdechil aus) es ist-ferner mitunter auch .das Minium resnAlum für manches Tora- Baalbeesei, wenn es, wie so oft, nach den ersten Handelsausflügen mit zerbrochenen Flügeln und zerrütteten Aussichten nach Hause kömmt. 'Da heißt es gleich was beginnen? weiter zu handeln — da fehlt's an Geld; also was? ein Melamed (Kinderlehrer) werden — stehet mir nicht an, und so werden manche Geschäftszweige durchgenommen und deren Unzulänglichkeit oder Unmöglichkeil kritisch beleuchtet, den Refrain bildet aber der inhaltsschwere Entschluß — also ein Schadchan.werden. Trotz aller dieser Pfuschereien in das ehrbare Schadchen-Gewerbe, sage ich, bleibt doch ein wahrer Schadchen eine äußerst eigentümliche Persönlichkeit, ja, man könnte sagen: ein Schadchen naseitur, wie man sonst sagt: poeia naseitur.— Der Schadchen muß immer auf den Beinen sein; erstens auszukundschaften, wer in allen Städten und Stäbchen Galiziens, so wie der angrenzenden russisch-polnischen Provinzen einen heiraths- oder wenigstens verlobungsfähigen Sohn oder dergleichen Tochter (d. h. vom elften Jahre an und darüber,) besitzt*). Ferner die Kapazitäten der jungen Ehekandida- *) Die Schadchunim führen darüber vollständige Listen, (in denen Wittwen und Wittwer nicht fehlen,) die ten, ferner die - Stammbäume^(Jüchüs) mit genäuerAufzahlung der Menge der Rabunim (Rabbiner) ,: die: die löbliche Familie verherrlichen; ferner die Vermögensumstände und besonders das Heirathsgm, das die resp.. Eltern ihren Kindern mitzügeben -; gedenken. — Beim Schadchan wird zwar unter den Händen jedes simple Züngelchen eine Ille (ab*#, Genie) oder Brije- . Schleime (ni2*>bw vollkommenes Geschöpf); jede nichts weniger als schöne Braut, ein Patret (Bildschönheit) so wie jeder zweideutige Mechiten ein Nugid-Mefurssim (ü^üsw steinreich) oder ein Jachsen-Hagudel (vom ersten Abel); indessen ginge dieses noch an, und könnte allenfalls als eine poetische Ausschmückung gelten, wodurch ja auch dem Dichter erlaubt ist, seine Helden schöner zu malen als sie wirklich sind; allein mit dem Geldwesen da ist es eine bei weitem mißlichere Sache; denn t>ie licenlia poetica des Schadchan versteigert sich oft so weit, daß er aus einem Mitgkftsversprechen von hundert Dukaten einerseits und' etwa zweihundert' Dukaten andererseits einganzes Lustspiel mit sehr vielen traurigen Auftritten .herausspinnt. Da z. B. wird dem einen Mechiten versichert, der zweite gebe dreihundert Dukaten, diesem wieder, jener gebe sechshundert Dukaten. Beide sind damit zufrieden, die Verlobung (traon) wird auf einen bestimmten Tag beschlossen; beide begeben sich dann mit ihren Familien, Freunden urtd Angehörigen, mit einem halben Dutzend Wagen, einem Dutzend Fuhrleuten, drei Dutzend Bedien-. ten ic, nciä) einem zwischen beiden Wohnorten (da sie gewöhnlich in zwei entfernt von einander liegenden Ortschaften wohnen, denn die sogenannten Stadt-Schdüchim sind in Polen bei weitem seltener) liegenden kleinen Oertchen, oder einem Feldwirthshause (kn diesem Falle einmal zu' einem drolligen Austritte Veranlassung gaben. Ein Schadchen, der zugleich Chasan war, und als solcher im Ellul-Monat auf dem Bexh-Otam (Gottesacker) für eine ihm eingehändigte Liste von Verstorbenen rachmim zu lesen hatte, verwechselte unglücklicherweise die Todtenliste mit feiner Heiratskandidatenliste in der Lasche. Er rief daher laut sein „Selig ruhe" für einen jungen baumstarken Wittwer, der zufällig ihm nahe stand, ja, er gesellte ihm noch.obendrein als Paradiesesnachbarkn eine junge, artige Wittwe, und die unserm Wittwer wol bekannt war. Man. Wird leicht denken, was weiter folgte, es fehlte wenig',' daß der Schadchan selbst zum Seligen geworden wäre. Korresp.