Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 7 (1843)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1843)
- Date
- 1843-11-20
- Page
- Seite 699 (sequence 7)
- Language
- German
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Maaren übervoll, wer brachte diese herein? keine; Juden! Wsnn wir jedoch auch annehmen, daß der Schmuggel auf diese Weise wirklich verschwinden müßte, sind dieß die Mittel/die einheimische Industrie zu fördern? hat sich je irgend ein Staat ihrer zu diesem Zwecke bedient? Beflecket und besudelt solch eine mittelalterliche Grauen erregende Maßregel den Staat, der sie gebraucht, nicht weit mehr, als ihm die vermeinte heranzubildende Industrie, Ansehen verschafft? Ist es nicht als wollte Jemand, der. einen bösen Zahnschmerz hat, sich alle Zähne reißen lassen, wo er gewiß auch den schlechten mit heraus bekommt? Wir müssen jedoch nicht verkennen, daß es nie die Absicht des Kaisers war, die Juden zu unterdrücken, wir haben im Gegentheile Beweise genug, daß er, von ihrer Treue, ihrer Anhänglichkeit nnd ihrem Patriotismus überzeugt, sie als gleiche Unterthanen mit den Christen betrachtet, und stets gebildet, fortschreitend und prosperirend zu haben wünscht, allein die Meisten der Masse von Beamten in Rußland, denen die exekutive Gewalt in Händen gegeben, ist, hassen und verachten den Juden so sehr, daß weder sein Hab und Gut, noch sein Leben, bei .ihnen einen Werth haben, und scheuen sich nicht, die niedrigsten Mittel der Verfolgung und Bedrückung zu gebrauchen, um irgend einen Juden zur Taufe oder zur Entfernung aus dem Lande zu zwingen. — Einen preußischen Juden, der kürzlich wegen des Paßvisa's zu einem hohen russischen Beamten kam, fragte Letzterer, warum er sich doch nicht taufe, und erhielt zur Antwort: „da ich schon nach meinem Vaterlande zurückkehre, wo alle Unterthanen ohne Unterschied der Religion gleiche Rechte und gleichen Schutz genießen, so halte ich eine Aenderung meiner Konfession für höchst überflüssig, und habe ich auch nie ein Bedürfniß dazu gefühlt, bis ich die russische Gränze passirte." — Derselbe hochdenkende Beamte, sagte einem Israeliten, der vor ihm wegen unschuldiger Verfolgung oder Bedrückung bitter weinte, folgende mitleidslose Worte: „du weinst umsonst, mein Herz ist aus Stein" er hatte Recht, der aufrichtige Mann. — Diese Staatsdiener sinnen und trachten fortwährend auf Verleumdung und Anschwärzung der Kinder Jsrael's, und ist ihnen nur einmal gelungen, auf irgend einer zweideutigen anfangs unbedeutend scheinenden Verordnung die kaiserliche Sanktion zü erhalten', so kömmentiren und deuten sie diese Herren stets dahin, daß sie am nachtheiligsten für die Juden und so vorteilhaft als möglich für ihre Beutel exekutirt werde; in eben dem Maße verstümmeln, verkürzen oder vertagen sie größtenteils, die von dem Kaiser so oft ertheilten Begünstigungen, und der russische Jude ist leider noch zu unwissend, und fürchtet den Beamten zu sehr, als daß er e6 wage, die ungerechten und gesetzlichen Vexationen dem Kaiser selbst zu klagen; denn erkühnte.sich auch Jemand dazu, so weiß man schon solche Kniffe und Jntriguen anzuwenden, daß die Klage nie an die hohe Person gelange, an die sie gerichtet ist, und der Klagende wird stets im Auge behalten, um ihm seine Dreistigkeit sauer werden zu lassen. — Arme Unglückliche! ihr dürfet und könnet euch also nicht einmal beklagen, die Brust wird euch so eng zusammengeschnürt, und . dabei der Mund verstopft, daß euere Seufzer darin ersticken. — Wir wollen glauben und hoffen, daßder am Anfänge erwähnte betrübende Ukas ebenfalls auf eine solche Weise an's Licht gefördert würde, was seine Zweideutigkeit und unbestimmten Ausdrücke sogar bestätigen," und haben nur zu befürchten, daß die Auslegung, zu welcher die Strenge und Unbarmherzigkeit der Beamten veranlaßt hqtte, nicht buchstäblich in Ausführung komme, wodurch Mit eine halbe Million Seelen, brodlos und dem Bettelstäbe zugewiesen werden müßte. — Mehr als 360 nicht unbedeutende Städte mit fast ausschließlich jüdischen Einwohnern, befinden sich innerhalb des Rayons,- aus dem die Juden nun verwiesen werden, und die müssen alle nach den befugten Oertern des innern Rußland's ziehen, um sich ihren tief gebeugten und gedrückten Brüdern als eine neue Last aufzubürden. — Unsere einzige Hoffnung besteht blos in der moralischen Ueberzeugung, daß es gewiß nicht des Kaisers Absicht war, den Ukas auf diese Weise handhaben zu lassen, und sobald er von der für die israelitischen Unterthanen so unglückliche Auslegung jenes Erlasses in Kenntniß gesetzt fern wird, so steht von seiner stets bewährten Gerechtigkeit zu erwarten, daß er die Widerrufung sofort anordnen wird. — Es ist daher die Pflicht eines jeden Ausländers, den nur einigermaßen Mitleid und Humanität be-