Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1843-11-06 · Heft 45 (6.11.1843) · p. Seite 676

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
7 (1843)
Issue
Heft 45 (6.11.1843)
Date
1843-11-06
Page
Seite 676 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3225281-3225327--05628-3236293
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

676 Verlaugnest die Sitte Deines geschlagenen Volkes, Und trittst, du Tückischer, Höhnischen Mundes, zum Widersacher; Daß deine ruchlosen Kinder, Ein fremd Geschlecht, mit Steinen Werfen nach deines Vaters Haupte, Und ihm den grauen Bart zerraufen. ' Dich schilt mein Lied; Um dich tobt mein Saitenspiel; Das Lied Zions verachtet dich! Dem du dich abgekehrt, Freue sich deines Abfalls, Denn ein Ruchloser warst du! Dem du dich zugekehrt, Spotte deiner Thorheit, Hinter deinem Rücken! Ha! daß der Vater Schandfleck Sich schämt der Ehrwürdigen In ihren Gräbern! Der alte rnrd neue Ahasver. Won Ludwig Wihl. Delicta nmjorum imnicritus lues. Horat. Od.n. Lib.Jll. Es hält ein Mann in alter Tracht Beim Ständehaus am Rheine Wacht, Im Angesicht ein tiefes Weh, Wallt wild ihm herunter des Bartes Schnee. Er sieht so fremdurweltlich drein, Als wär' er ein antediluvisch Gestein. Das lange Haar sich streichend vom Ohr, Lauschet er bange gelehnt an's Thor, Als ob im Saal ein einziges Wort Sein altes Leiden tilge fort, Und er nach tausendjähriger Last Aus seiner Wanderung fände Rast. In seiner Rechten liegt ein Buch, Zft es ein Segen, ist es ein Fluch? — Zn seiner Linken hält er den Stab, Führt er in's Leben, oder in's Grab? — Ein Räthsel mystisch dunkler Art, Dem noch bis heute kein Deuter ward! „Der Hirsch, vom Jager aufgehetzt. Wird auf der Flucht erlegt zuletzt, Wenn er vom Ufer in die Fluchen springt. Und matt und blutgeröthet niedersinkt; Ich bin ein Wild, gehetzt, geplagt, In alle Welt herumgejagt; Doch hat in Wasser - und in Feuersnoth — Der Tod mir stets umsonst gedroht. Jetzt aber dünkt mir die Stunde nah, Die ich von Gott gehofft, Hallelujah!" So sprach der Alte, tief bewegt, Da hört er, wie's im Saal sich regt; . Da hört er, wie man laut verkündt, Daß gleich nun alle Menschen sind, Daß auch Ahasver sei befreit) Von seinem ewigen Weh' und Leid! Der Alte hörl's. Kaum traut er seinem Ohr. „So wird es endlich Tag; es bricht die Sonne hervor So wird es endlich Tag; doch ich bin matt und alt; Mir wird so ängstlich bang' und todeskalt. — Was soll die Freiheit mir im Grabesschrein, Ich fühl' den Tob mir wühlen im Gebein', Er sprach's und siel mit einer Wucht Wie von dem Baum die reife Frucht. Dem ew'gen Schlaf verfiel also. Den Schlaf und Ruh' allortwärts floh' Und genas damit auch seiner Noch: So fand Ahasver seinen Tod. Jehovah aber ist erbarmungsreich; Jehovah winkt, und er ersteht sogleich! — E» ersteht, und ist verjüngt, verklärt, Von allen Menschen reich geliebt, geehrt. Sein Stab, eine Palme dürr und alt, Nirrimt an eine junge Gestalt; Sein Buch, das sonst ein Mahrchentraum, Litt gleiche Handlung mit dem Baum: Es ward ein Buch der Wirklichkeit, Er selbst ein Sohn lebendiger Zeit.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.