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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1843-10-30 · Heft 44 (30.10.1843) · p. Seite 662

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
7 (1843)
Issue
Heft 44 (30.10.1843)
Date
1843-10-30
Page
Seite 662 (sequence 14)
Language
German
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662 Gute) sondern positive unerfreuliche Erscheinungen, berühren da das Auge eines aufmerksamen Beobachters. So verschmähet es nicht mancher sonst mit Recht hochgeschätzte, und zu den berühmtesten medizinischen Autoritäten des Landes gerechnete jüdische Arzt bei jeder Gelegenheit (man höre!) dem Chassidismus Vorschub zu leisten! — Daß dieses gegen die wahre innere Ueberzeugung eines solchen erleuchteten Mannes ist und sein muß, wer kann daran zweifeln! allein ob auch gegen die ^Politik? Ob damit nicht der Rabbi dem Rabbis manchem Hilfesuchenden, bei dem, wie so oft, der Himmel nicht ausreicht, recht salbungsvoll zuweise, um ihm die irdischen Heilschätze zu erschließen?? — Die Leute raunen sich so etwas in's Ohr. Nähern Aufschluß wird man natürlich von einem Reisenden nicht verlangen wollen, allein das Faktum ist leider nur zu evident. — Einen Anhang zum israelitischen, wissensch* *aftlichen, medizinischen und juridischen Publikum bildet ein unwissenschaftlicher Troß von zwei Gattungen von Leuten. Das medizinische Akzesorium ist der Rofe (Barbier), das juridische der Winkelschreiber (Polistrant). — Der Rose gleicht in seinen Funktionen dem Barbier oder sogenannten Bader in Deutschland. Merkwürdig ist es jedoch, daß in ganz Galizien, selbst da wo die christliche Population in überwiegender Majorität ist, (Lemberg und Czecnowitz etwa ausgenommen) fast nur jüdische Barbiere zu finden sind. Der Rofe spielt mitunter eine ziemlich bedeutende Rolle $' denn außerdem daß er, selbst in größern Städten unter Umständen manchmal zum Range eines ärztlichen Assistenten erhoben wird, macht er in kleinern Städtchen selbst den Doktor und — mirabile dictu! — schreibt oder diktirt vielmehr einem Schreibkundigen alle möglichen Rezepte**). — In unsre Leser, konnte aber der, jetzt in der Türkei weilende Verfasser dieser Reisebilder nicht wissen. D. Redakt. *) Erstens bedeutet Zadik (vulgo Rebbi) letzteres Arzt, der bekanntlich damals bei den Talmudisten und jetzt noch bei vielen Frommen Rabbi genannt wird. — Korresp. **) So erlebte ich dort einmal kn einem Gasthause eines kleinen galizischen Städtchens, das ich passirte, folgende Szene. Im Gastzimmer war Jemand erkrankt; der Gastwirth.befahl, man soll sogleich zu dem Rofe schicken. Ich wußte, daß Rose im Hebräischen dasselbe was Arzt (Heilkünstler) im Deutschen bedeute und war daher gespannt dm dasigen Arzt kennen zu lernen. Wie ganz kleinen Städtchen ist der Stadt-Rofs — der Aufgeklärte. — Die Tracht des Rofe ist einigermaßen verschieden von der gewöhnlich polnisch-jüdischen, und er theilt kn d.ieser Beziehung ein Loos mit seinem Munizipal-Kollegen — dem jüdischen Stadmusikus (Klesmer, wahrscheinlich von ^.pb^). Beide, als Jünger der Wissenschqft und der Kunst', suchen ihre höhere Quatisikation auch durch äußere Abzeichen sichtbar zu machen. So z. B. tragt ein Rofe höchst selten, ein Klesmer hingegen nie einen Spodik (der jedenfalls etwas Prosaisches und Alltägliches in sich enthält), dafür trägt er eine Zobelmütze (Hittel), sie mag von der gemeinsten Qualität, ja sogar aus Steinmardern fein, wenn nur ein Hittel! Da nun Rofe und Klesmer gewöhnlich verheirathet sind und gewöhnlich einen sichtbaren, langen Bart haben (den sich der Rofe jedoch schon geziemend zuzustutzen erlaubt) und da sonst die unverheiratheten Jünglinge in Polen (Bacherim), die doch nur allein Hittel zu tragen pstegen, unverheirathet und unbärtig sind, so erkennt man an Bart und Hittel sogleich den Klesmer und Rofe. Letzterer indessen nimmt es nicht so strenge, denn er trägt in Wochentagen wol auch einen Kastorhut, Kapalitsch, und Sonnabend zum Staat einen Spodik. — Negativ sind die Zeichen beachtenswerth, daß weder Rofe noch Klesmer, noch Handwerker, überhaupt wer kein Mejüches (f.s unten) ist, ein Streimil (Schabes-Mütze aus acht Zobelschwänzen, ohngefähr verwunderte ich mich aber, bap' bald darauf statt seiner zwei polnisch-jüdisch (jedoch rofesch, s. unten) gekleidete Personen hereinkamen, die sich zum Kranken begaben, wovon der Aeltere — ec war der Vater — nachdem er Zunge, Puls, Urin und die andern medizinischen Nebensachen besehen und befühlt, sich zu seinem, mit zwei gespitzten Ohren am Kopfe und einer Feder in der Hand harrenden Sohne wendete und ihm — ein Rezept diktirte. — Die rollenden Schweißtropfen auf dem Gesichte des Schreibenden ließen auf die interessante Erfindung gerathen, daß für solche ,Leute in schweren Krankheiten ein Rezeptschreiben das beste Schwitzmittel wäre.— Ist dieses ein Arzt, frug ich: ja, ein Rofe, aber ein großer i-rnnin (Empiriker), , er ist mit dem Dokter N. ein Jahr herumgegangen (d. h. bei Kranken).— Aber warum führt er denn seinen kindlichen Sekretär immer mit sich, den er doch durch das allzubeschwerliche Schreiben noch an den Rand des Grabes bringen wird? — Es ist wol wahr, antwortete man mir, allein was soll er machen, der Arme, —er kann selbst nicht schreiben! — Korresp.

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