Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 7 (1843)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1843)
- Date
- 1843-10-16
- Page
- Seite 625 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Schein, und daß uüs von der Existenz der Dinge außer uns nichts versichern könne, müssen sie, oder besser gesagt, können sie auch äußerlich ihrer inner» Ueber;eugnng gemäß leben? Können sie mit den Menschen verkehren, als wenn kein Mensch existirte? Konnten sie einen Tag bestehen, wenn sie sich verhielten, wie einer, der nicht weiß, daß irgend einer außer ihm exiflire? Sind sie nicht von der Natur selbst gezwungen, mit ihrer Ueberzengung inkohärent zu leben? Und jene, welche durch lange Meditationen von dem nothwendigen Zusammenhänge der Wirkungen mit ihren Ursachen, so wie der Willensakte mit den inneren und äußeren Bestimmungsgründen, eine unwiderlegbare Ueberzeugung erlangten, und die Moralität des Menschen so wie die Jmputabilität der menschlichen Handlungen laugnen, können diese ihren eigenen Prinzipien gemäß leben? Können sie sich enthalten, die Bösen zu verabscheuen und die wahrhaft Guten zu lieben und zu bewundern? Und wer aus Temperament oder als Folge seiner Erziehung sich zu irgend einem abscheuungswürdigen Laster, zur Genußsucht, zur Uebermäßigkeit, zur Luge, zum Hader, zum Diebstahl, zum Stolze, zur Grausamkeit, zum Mord geneigt fühlte, wird er wohl thun sein Inneres äußerlich darzustellen? Und wird etwa derjenige, der nicht das Glück hat, von der Zweckmäßigkeit seiner Landesgesetze überzeugt zu sein, wohl thun, praktisch im Gegensatz mit denselben zu leben? Alles dieses beweiset augenscheinlich, daß eine vollkommene Uebereinstimmung des inneren Lebens mit dem äußeren ein nicht Jedermann zugestandenes Gut sei, und daß der Mensch, so lange er in der Gesammtheit lebt, sein praktisches Leben nicht mit seinen eigenen Ueberzellgungen, sondern mit den Gesetzen der Gesellschaft, der er angehört, in Uebereinstimmung bringen müssen Würde das gegenwärtige Judenthum unmoralische Handlungen vorschreiben, oder indirekt zu einer laxen Moral führen, oder antisoziale. und antihumane Gefühle ein flößen, so wären wir bereit , dasselbe zu reinigen , oder es abzuschwören. Allein die Heiligkeit der Moral des Judenthums ist nur zu sehr bekannt, und wir (und wer nicht?) kannten und kennen sehr viele Beispiele von Männern, welche als strenge Beobachter der Vorschriften des Jndenthums zugleich auch Muster jeder seltensten geselligen Tugend sind, — Männer, deren Anzahl mit dem Zunehmen des religiösen Jndifferentismus zum großen Leidwesen der Gesellschaft täglich^ im Abnehmen begriffen ist. Wir nehmen demnach keinen Anstand, unseren Glaubensgenossen, deren Ueberzeugungen Mit dem Jüdeuthum in Widerspruch sind, folgenden Rath zu ertheilen: Brüder! Gewöhnet euere Hände neuerdings 'an die Uebung der Gebräuche unserer Vater; thut es zur Ehre unserer Voreltern, die für dieselbe ihr Blut vergossen; hoffet, durch deren Uebung jene Zufriedenheit, jene innere Befriedigung und jene Freudigkeit zu erlangen, welche sie mitten unter Bedrückungen genossen, und die ihr im Schooße der Freiheit, der Ehre und Vergnügungen vermisset. Thuet es und eure Ueberzeugungen werden sich allgemach ändern, und ihr werdet anfangen, die vortheilhaften Früchte der freiwilligen Opfer zu fühlen, wodurch euer Geist über die. Materie, eine immer wachsendere Herrschaft gewinnen, und sich von der weltlichen Moral, welche auf Klugheit oder Ehre, den beiden oft trüglichen Führern gegründet ist, zur himmlischen erheben wird, welcher auf der Vorsehung beruhet, der heiligen Vorsehung, welche, wenn ihr nur an sie zu denken beginnet, nicht ermangeln wird, auch bald sichtbar zu werden, in den großen Begebenheiten, wie in den geringsten, ja sie wird euch überzeugen, daß nichts Geringes sei, sondern daß das Geringere vielmehr stets der Ursprung und die Quelle des Wichtigeren sei. Euer Beispiel wird euere Familie und euere Kinder zur Religion und Tugend hrranbilden, welche euer Leben und euer Alter glücklich machen werden, und ihr werdet mit freudigem Herzen Gott segnen, der uns erwählte und uns seine Lehre gab. — Padua, den 1.. September 1843. Samuel David Luzzatto. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Hamburg, 18. September. (Fr. I.) Die Judenemanzipation, die in einem unserer nächsten Bürgerkonvente zur Berathung kommen soll, ist fortwährend Hauptgegenstand der Diskussion in Tagblättern und Flugschriften. Es scheint keinem Zweifel unterworfen, daß die völlige bürgerliche Gleichstellung der Juden beantragt und genehmigt werden wird, denn alle wahrhaft Gebildeten sind darüber einverstanden, daß, es die schöne Aufgabe unserer Zeit ist, die auf längst vermorschten und verrosteten Vorurtheilen begründete Scheidewand niederzureißen und der Humanität und allgemeinen Menschenliebe